Mykoplasmeninfektionen Landschildkröten

Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten
und ihre alternativmedizinische Behandlungsmöglichkeit
– mit Fallbeispielen aus der Praxis

Text von Amine Fehr, Stolberg

Bilder von Kristin Berry, Riverside, CA, USA, Carolin Dennert, Hünxe, Hartmut Fehr, Stolberg, Elliott Jacobson, Gainesville, Florida

Erkrankungen bei Landschildkröten und ihre Behandlung waren in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand von Veröffentlichungen innerhalb dieser Zeitschrift (Vinke & Vinke 2008, Jennemann 2008, 2009, 2010, 2013, Dennert 2009, Bidmon & Krug 2010, Bruekers 2012, Fehr 2013). Das Thema „Mykoplasmen“ ist dabei – im Vergleich zu allseits diskutierten Themen wie zum Beispiel „Herpesinfektionen“, „Anorexie“ und „Wurmbefall“ – deutlich unterrepräsentiert. Andererseits erlebe ich in der täglichen Praxis, dass vergleichsweise viele Landschildkröten an Mykoplasmen erkrankt sind, bzw. den Erreger in sich tragen, ohne Symptome zu zeigen. Mit Mykoplasmen infizierte Tiere tragen – ähnlich wie bei Herpes – den Erreger lebenslang in sich. Schwere Ausbrüche der Krankheit konnte ich bislang allerdings nicht bei allen Arten beobachten.


Rachenabstrich bei einer mit Mykoplasmen infizierten Landschildkröte
Abb. 1 Rachenabstrich bei einer mit Mykoplasmen infizierten Landschildkröte. Foto: Hartmut Fehr
Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten
Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten
Abb. 2a–d Mit Mykoplasmen infizierte Pantherschildkröten (Geochelone pardalis). Fotos: Hartmut Fehr
Abb. 2a–d Mit Mykoplasmen infizierte Pantherschildkröten (Geochelone pardalis). Fotos: Hartmut Fehr

Insbesondere Tiere der Testudo hermanni-Gruppe reagieren offenbar wenig empfindlich auf Mykoplasmen und zeigen entweder überhaupt keine oder nur leichte Symptome. Demgegenüber können insbesondere Maurische Landschildkröten (Testudo graeca-Gruppe), Breitrandschildkröten (Testudo marginata), Pantherschildkröten (Geochelone pardalis) und auch Vierzehenschildkröten (Testudo horsfieldii) schwer erkranken. Darüber hinaus wurden Mykoplasmen auch bei freilebenden Dosen-schildkröten (Terrapene carolina carolina) festgestellt (Feldmann et al. 2006). Schulmedizinisch werden Mykoplasmen-Erkrankungen häufig antibiotisch (bspw. mit Doxycyclin) behandelt (vgl. z. B. Kölle 2009).

Mykoplasmeninfektionen
Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten

Letztlich ist klar, dass die Erkrankung nicht heilbar ist, so dass immer wieder akute Schübe auftreten können, häufig und insbesondere nach Stresssituationen und bei Haltungsfehlern. Immer wieder werden mir auch Tiere vorgestellt, die nach der Winterstarre schwere Krankheitssymptome zeigen. Daneben sind auch mit Mykoplasmen infizierte Fundtiere, die in meiner Schildkrötenauffangstation aufgenommen werden, häufig sehr krank. Dies macht deutlisch, dass Wechselwirkungen mit dem Wirts-immunsystem eine wesentliche Rolle spielen. Gerade deshalb halte ich es für geboten, Antibiotikagaben auf das notwendigste Maß zu beschränken. In meiner Praxis wende ich daher- nach vorheriger Labor-diagnostik und bestätigter Mykoplasmeninfektion – vorwiegend naturheilkundliche Methoden, um akute Schübe zu behandeln.

Mykoplasmen sind zellwandlose Bakterien,
dies führt dazu, dass sie gegen an der
Zellwand angreifende Antibiotika resistent sind

Maulhöhle einer Landschildkröte
Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten

Der Erreger – Mycoplasma agassizii

Mykoplasmen sind zellwandlose Bakterien, wodurch sie sich von den meisten anderen Bakterien abheben. Diese Eigenschaft führt dazu, dass sie gegen an der Zellwand angreifende Antibiotika (z.B. Penicillin) resistent sind. Mykoplasmen, bei Schildkröten insbesondere Mycoplasma agassizii, werden verantwortlich gemacht für Erkrankungen der oberen Atemwege (URTD = Upper Respiratory Tract Disease). Ein typisches Symptom ist das sogenannte „Runny nose Syndrom“,wofür früher in der Regel Viren oder verschiedene andere Bakterien verantwortlich gemacht wurden. Mykoplasmen sind in der Lage, sich in die Wirtszelle zurückzuziehen, so dass sie „kaum greifbar“ sind. Dies führt in der Regel zu einer lebenslangen, nicht heilbaren Infektion, die – meist artspezifisch – aber nicht zwangsläufig zu Krankheitssymptomen führen muss. Gemäß Mathes (2003) zeigte sich in experi-mentellen Übertragungsstudien, dass die Zeit zwischen der Infektion und dem Einsetzen der ersten klinischen Symp-tome mindestens zwei Wochen beträgt.Brown et al. (1999) beobachtet klinische Symptome 4-8 Wochen nach Infektionen mit Mykoplasmen.

Alternativmedizinische Behandlung

Wie bereits beschrieben (Fehr 2013), arbeite ich in meiner Praxis vorwiegend mit antihomotoxischen Medikamenten bzw. homöopathischen Einzelmittelgaben, ferner auch mit pflanzlichen oder tierischen Auszügen. Die Antihomotoxische Medizin ist aus der Homöopathie hervorgegangen. Ihr Begründer ist Dr. med. Hans-Heinrich Reckeweg (1905-1985). Wer sich vertiefender mit der Antihomotoxischen Medizin beschäftigen möchte, dem seien die Werke von Schmid et al. (1996), Schmid & Hamalcik (1996) und Späth et al. (2005) empfohlen.


Mit Mykoplasmen infizierte Breitrandschildkröte
Abb. 3 Mit Mykoplasmen infizierte Breitrandschildkröte (Testudo marginata) bei der Inhalation mit NaCl. Foto: Hartmut Fehr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gopherus polyphemus
Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten

 

Abb. 4
Wie der wissenschaftliche Name vermuten lässt, wurden Mycoplasma agassizii zunächst bei Gopherus agassizii entdeckt, dennoch sind viele andere Arten betroffen, wie diese Gopherus polyphemus.                                           Foto: Elliott Jacobson

 


Fallbeispiele 

Patient 1

Maurische Landschildkröte (Testudo graeca), männlich, Carapaxlänge 19,2 cm,
Gewicht 1.479 g.

Vorbericht
Die Maurische Landschildkröte (
Testudo graeca) wurde zwecks Untersuchung im Juli 2013 als Fundtier von der Unteren Landschaftsbehörde der Städteregion Aachen bei mir in der Praxis vorgestellt. Routinemäßig erfolgte eine parasitologische Labor-untersuchung (Kot) und ein Test auf Herpes (Blutabnahme) und Mykoplasmen (Abstrich). Der Allgemeinzustand des Tieres war insgesamt gut. Der Panzer war arttypisch ausgehärtet und zeigte keine Anomalien. Die Augen der Schildkröte waren ohne Ausfluss, Rötungen oder Trübung der Augenlinse.  Die Zunge zeigte keine Beläge. Keine Atemgeräusche.

Laborbefund
1. Herpes: Der Herpes- Antikörper-Test Stamm 1432 sowie Stamm 770 waren negativ.
2. Parasitologische Untersuchung:
Parasiten: hoher Gehalt Oxyureneier
Protozoen-Zysten: geringer Gehalt 
Balantidum coli
Aufgrund des hohen Befalls mit Oxyuren wurde eine Wurmkur (Panacur) vom Tierarzt verabreicht.
3. Mykoplasmen: Mycoplasma agassizii
Erregernachweis-PCR: positiv

Weiterer Verlauf
Die Maurische Landschildkröte war in der Zeit von Ende Oktober 2013 bis Mitte März 2014 in der Winterstarre. Kurze Zeit nach der Winterstarre (April 2014) zeigte das Tier Symptome einer akuten Mykoplasmeninfektion: Beidseitiger Nasen-ausfluss, Apathie und Inappetenz, ungewöhnliche Atemgeräusche, tränende Augen, erhöhter Speichelfluss. Es erfolgte eine Blutabnahme in meiner Praxis zur Anfertigung eines Reptilienprofils. Alle Parameter waren im Referenzbereich. Um eine Lungenentzündung auszuschließen, wurde durch den Tierarzt ein Rönt-genbild angefertigt.

Therapie
Isolation der Maurischen Landschildkröte in der Quarantänestation mei-ner Praxis. Optimale mikroklimatische Bedingungen im Terrarium. Mehrmals tägliche Inhalation mit NaCl (
Pari Boy). Zusätzlich wurden im Terrarium mehrere mit Bronchialbalsam (Weleda) betupfte kleine Stofflappen aufgehängt. Die Maurische Landschildkröte erhielt über 14 Tage täglich als subcutane Injektion Echinacea compositum SN. Zusätzlich wurde ihr zweimal in der Woche Mucosa compositum subcutan injiziert. Die Augen wurden mehrmals täglich mit Euphorbium compositum ad us.vet. ausgespült. Bereits am dritten Tag begann die Schildkröte wieder mit der Futteraufnahme. Nach ca. 20 Tagen zeigte die Maurische Landschildkröte keine Symptome mehr einer akuten Mykoplasmeninfektion. Seitdem ist sie symptomfrei (Stand Oktober 2014).

Patient 2
Maurische Landschildkröte (
Testudo graeca),
weiblich, Carapaxlänge 14,1 cm,
Gewicht 485 g.

Vorbericht
Die Maurische Landschildkröte (
Testudo graeca) wurde zwecks Untersuchung im August 2013 bei mir in der Praxis vorgestellt. Der Allgemeinzustand des Tieres war insgesamt sehr schlecht. Der Panzer war arttypisch ausgehärtet und zeigte keine Anomalien. Beidseitiger gelb/grünlicher Nasenausfluss, Apathie und Inappetenz, ungewöhnliche Atemgeräusche, tränende Augen, erhöhter Speichelfluss. Die Zunge zeigte keine Beläge. Es erfolgte eine parasitologische Laboruntersuchung (Kot), ein Test auf Herpes (Blutabnahme) und Mykoplasmen (Abstrich). Zusätzlich wurde ein Reptilienprofil (Blutabnahme) angefertigt. Um eine Lungenentzündung aus-zuschließen wurde auch hier durch den Tierarzt ein Röntgenbild angefertigt.

Laborbefund
1. Herpes: Der Herpes- Antikörper-Test Stamm 1432 sowie Stamm 770 waren negativ.
2. Parasitologische Untersuchung:
Parasiten: hoher Gehalt Oxyureneier sowie ein geringer Gehalt an Milbeneiern
Protozoen-Zysten: negativ
Aufgrund des hohen Befalls mit Oxyuren wurde eine Wurmkur (Panacur) vom Tierarzt verabreicht.
3. Mykoplasmen: 
Mycoplasma agassizii Erregernachweis-PCR: positiv
4. Reptilienprofil: leichte Erhöhung des Harnsäurewertes

Therapie
Analog zu Fall 1, allerdings eine Woche länger subcutane Injektion 
Echinacea compositum SN. Aufgrund der leichten Erhöhung der Harnsäurewerte wurde die Maurische Landschildkröte zusätzlich täglich mit Natriumchlorid infudiert. Eine Therapie mit Allopurinol durch den Tierarzt war nicht angezeigt. Nach vier Tagen begann die Schildkröte wieder mit der Futteraufnahme. Nach etwa vier Wochen zeigte Sie keinerlei Symptome mehr einer akuten Mykoplasmeninfektion. Sie blieb auch nach der Winterstarre 2013/2014 symptomfrei.


Mykoplasmeninfektion bei Landschildkröten
Abb. 5 Adulte Gopherus agassizii, durch einen ELISA-Test antikörperpositiv auf Mycoplasma agassizii getestet. Man beachte die Verfärbung vom eitrigen Ausfluss und die Erosion des rechten Nasenloches der Schildkröte. Foto: Kristin H. Berry, U.S. Geological Survey, Western Ecological Research Center

Patient 3
Breitrandschildkröte (
Testudo marginata),
Jungtier – wahrscheinlich männlich,
Carapaxlänge: 4,9 cm,
Gewicht 70 g.

Vorbericht
Die Breitrandschildkröte wurde zwecks Untersuchung im April 2014 ebenfalls als Fundtier von der Unteren Landschaftsbehörde der Städteregion Aachen bei mir in der Praxis vorgestellt. Auch dieses Tier wurde routinemäßig auf Parasiten (Kot), Herpes (Abstrich) und Mykoplasmen (Abstrich) getestet. Aufgrund des geringen Gewichtes des Tieres war ein Herpestest über Blutabnahme nicht möglich. Es wurde aber ein Abstrich/Mundhöhle  (PCR) gemacht, um einen akuten Herpesschub auszuschließen. Der Allgemeinzustand des Tieres war insgesamt gut. Der Panzer war arttypisch ausgehärtet und zeigte keine Anomalien. Die Augen der Schildkröte waren ohne Ausfluss, Rötungen oder Trübung der Augenlinse. Die Atmung des Tieres war unauffällig. Die Zunge zeigte keine Beläge.

Laborbefund
1. Herpesviren (PCR)*: Herpes Consensus: negativ; Herpes ChHV: negativ
2. Parasitologische Untersuchung:
Parasiten: hoher Gehalt Oxyureneier
Protozoen-Zysten: negativ
Der Befall mit Oxyuren wurde durch eine Wurmkur (Panacur) vom Tierarzt behandelt.
3. Mykoplasmen: 
Mycoplasma agassizii
Erregernachweis-PCR: positiv

Diagnostik
Nachdem das Tier zunächst keine Anzeichen einer akuten Mykoplasmeninfektion zeigte, verschlechterte sich nach ca. 2 Wochen der Gesundheitszustand des Tieres. Es kam auch hier zu beidseitigem Nasenausfluss, Apathie und Inappetenz.

Therapie
Analog zu Fall 1, allerdings lediglich über 10 Tage einmal täglich subcutane Injektion mit 
Echinacea compositum SN. Nach zwei Tagen begann die Schildkröte wieder mit der Futteraufnahme. Nach ca. zwei Wochen zeigte sie keine Symptome mehr einer akuten Mykoplasmeninfektion.

tabelle

* Herpes Consensus-PCR (vgl. Van Devanter et al. 1996): Mit dieser Methode wird eine hochkonservierte Region des HerpesvirusGenoms nachgewiesen. Hochkonserviert bedeutet, dass das entsprechende „Gen-Stück“ bei vielen verschiedenen Herpesvirus-Stämmen von Mensch und Tier nahezu identisch/sehr ähnlich ist. Dadurch können mit dieser PCR sowohl bereits bekannte, als auch noch nicht näher charakterisierte Herpesviren nachgewiesen werden. Diese können aber dennoch krankheitsauslösend (pathogen) für das jeweilige Tier sein. Da mit dieser PCR so viele verschiedene Herpesviren (sowohl Subfamilie alpha, beta als auch gamma) nachgewiesen werden können, macht eine Auflistung der einzelnen, nachweisbaren Herpesvirus-Stämme wenig Sinn.

Fazit

Es ist durchaus und mit gutem Erfolg möglich, akute Mykoplasmenschübe mit naturheilkundlichen Methoden zu behandeln und in der Regel dauerhaft einen stabilen Gesundheitszustand zu erreichen. Letzteres ist allerdings abhängig von der Qualität der Haltungsbedingungen. Insbesondere Stresssituationen, falsche (klima-tische) Bedingungen und fehlende oder falsch durchgeführte Winterstarre können einen Ausbruch provozieren, weshalb die Haltungsberatung eine wesentliche Rolle in der Nachbereitung der Behandlung spielt.


Mykoplasmeninfektion bei Landschildkröten
Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten
Chronischer Nasenausfluss
Mykoplasmeninfektionen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 6
Chronischer Nasenausfluss (RNS, Runny Nose Syndrome) gehört zu den typischen
Symptomen von Mykoplasmen, allerdings sind vielfältige Ursachen möglich.

Autorin

Amine Fehr
Praxis für Alternative Tiermedizin
Wilhelmbusch 11
52223 Stolberg (Rhld.)
Tel.: 02402-1274998

Internetwww.tierheilpraxis-fehr.de
E-Mail: info@tierheilpraxis-fehr.de

Tierheilpraxis Fehr

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Vielen Dank an die Autorin Frau Amine Fehr sowie Sabine Vinke und Michael Daubner, Redaktion „Schildkröten im Fokus“ für die Einwilligung zur Veröffentlichung des Beitrages auf meiner Homepage.

erschienen  Schildkröten im Fokus, 2/2015

Schildkröten im Fokus 2/2015
Schildkröten im Fokus 2/2015

 

„Schildkrötenkrankheiten, Handbuch“

– Körperbau und Funktion der Organe – Nervensystem und Sinnesleistungen – Ausgewählte Verhaltensweisen – Wachstum und Alter – Direkte Haltungs- und Fütterungsschäden – Erkrankungen: Kopf, Augen, Ohren, Atmungsorgane und Verdauungsorgane – Vergiftungen – Bebrütungsfehler und Jungtiererkrankungen.

Schildkrötenkrankheiten, Handbuch
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Schildkrötenkrankheiten, Handbuch
  • Dr. Lutz Sassenburg
  • Herausgeber: Bede
  • Auflage Nr. 3 (11.10.2005)
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