Futterreste könnten auch nützlich sein?!

Futterreste könnten auch nützlich sein?! –Ein Diskussionsbeitrag zu Vitamin D

Text von Hans-Jürgen Bidmon, Düsseldorf

Fotos von Hans-Jürgen Bidmon, Düsseldorf, Petra Kösterke, Rödinghausen, Susanne Konrad, Laupheim und Thomas & Sabine Vinke, Filadelfia, Paraguay

Hygienemaßnahmen sind unbestritten ein wesentlicher Bestandteil in der Tierhaltung und auch insbesondere in der Schildkrötenpflege. Wer kennt nicht die oft sehr schnell von badenden Tieren verunreinigten Trinkwasserschalen und Futternäpfe? Dennoch stellt sich die Frage, wie sauber muss es denn eigentlich sein, wenn selbst Tierärzte, wie beispielsweise Markus Baur, bei ihren Vorträgen dafür plädieren, eher natürliche Gartenerde als steriles, käufliches Terrariensubstrat zu verwenden? Aber trifft eine solche Fragestellung nur auf Terrariensubstrate zu, oder könnte das auch für die Ernährung von Bedeutung sein?

Diesbezüglich kamen mir zwei kürzlich erschienene Arbeiten über zugegebenermaßen sehr unterschiedliche Schildkrötenarten in den Sinn (Polo-Cavia et al. 2013, siehe Zusammen-fassung und Kommentar in dieser Ausgabe S. 22 und Selleri & Di Girolamo 2012). Polo-Cavia et al. (2013) heben deutlich hervor, welcher Zusammen-hang zwischen Immunsystem und Farbintensität bei Rot-wangen- Schmuckschildkröten besteht. Selleri & Di Girolamo (2012) adressieren die Unterschiede bei den Blutplasmaspiegeln für Vitamin D während Innen- und Freilandhaltung von Griechischen Landschildkröten, wobei sie eine klare Abnahme wäh-rend der Innenhaltung belegen. Bei allen bislang untersuchten Spezies ist Vitamin D nicht nur für die Calcium und Phosphataufnahme sowie die Skelettmineralisierung zuständig, sondern hat auch einen bedeutenden Einfluss auf das Immunsystem – wer das vertiefen möchte, dem empfehle ich die Übersichtsartikel von Martin et al. (2012) und Chun et al. (2014).

Abb. 1 Während der Innenhaltung kann der Vitamin-D-Spiegel deutlich absinken.
Abb. 1 Während der Innenhaltung kann der Vitamin-D-Spiegel deutlich absinken. . Foto: Susanne Konrad

Ebenso wissen wir das gerade auch die Färbung und die sich daraus ableitenden Signale für soziale Interaktionen und Geschlechtspartnerwahl sowohl bei Wasser- und Sumpfschildkröten wie auch bei Landschildkröten von der natürlichen Lichtfarbe und dem UV-Anteil abhängen (Ibanaez et al., 2013; 2014; Rowe et al., 2014; Galelotti et al., 2011). Da die Tiere ja dabei die visuellen wahrnehmbaren Farbsignale ihres Gegenübers ja nur dann richtig erkennen und deuten können wenn die Zeichnungsmuster das entsprechende Licht-bzw. Farbspektrum reflektieren können, wobei diese Zeichnungsmuster-reflektionen vom eingestrahlten Licht abhängen und an das Farbspektrum des natürlichen Sonnenlichts angepasst sind. Letzteres ist auch mit ein Grund dafür, dass das meist monochromatische Licht der neuen LED Leuchten von vielen Reptilien sowie manchen Pflanzen kaum genutzt werden kann, weil sie es nicht als natürliches Tageslicht wahrnehmen können (Was für uns als sehr helles weißes Raumlicht erscheinen mag ist für manches Reptilienauge nur ein dunkles Blauviolett mit dem es nichts anfangen kann, weil dessen Sehsinneszellen im Auge auf eine andere Lichtfarbenmischung angepasst sind als jene die die Technik für unser Auge produziert). Hier muss man also aufpassen und notfalls sogar mehrere Leuchten mit unterschiedlichen Farbspektren gemeinsam anbringen um in etwa Tageslichtqualität die für die Tiere als solche wahrnehmbar ist zu imitieren. Wobei falsches Licht nicht nur die Wahrnehmung stört sondern eine dauergestörte Wahrnehmbarkeit der Umwelt natürlich auch Stress mit allen seinen negativen Folgen einschließlich jenen die das Immunsystems betreffen verursacht. Und so liegt es nahe, über diese beiden Faktoren, also färbungsabhängige Balzsignale/Immunstatus sowie Vitamin D-Spiegel/ Immunstatus nachzudenken.

Nicht die Fruchtstände des Schimmels,
die man mit dem Auge sieht, sondern
die Pilz- bzw. Schimmelhyphen,
die schon lange vorher vorhanden sind,
produzieren große Mengen Vitamin D2

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Ist die Vitamin-D-Synthese durch das Sonnenlicht tatsächlich der
einzige Faktor?

Licht könnte in diesem Zusammenhang durchaus für die sai-sonalen Schwankungen im Immunstatus von Schildkröten mitverantwortlich sein (vgl. Zimmermann et al. 2011). Und gerade bei der Innenhaltung könnten diese für die Physiologie und Gesundheit unserer Pfleglinge so wichtigen Parameter auch negativ durch falsche Einrichtung samt Beleuchtung beeinflusst werden. Doch ist das wirklich alles? Hängt es nur vom Licht ab, oder wirkt sich auch eine übertriebene Hygiene negativ aus?

Bei der Einrichtung von Terrarien oder Gehegen sowie deren Beleuchtung kommt es nicht so sehr auf Schönheit an, sondern auf die den jeweiligen Pflegling-en entsprechende Funktionalität. Ich habe da weit mehr für das menschliche Auge ästhetisch eingerichtete Terrarien gesehen, in denen Tiere Probleme hatten, als umgekehrt. Eines der vielleicht deutlichsten Beispiele scheint sich gerade durch die neuen Erkenntnisse zum Vitamin-D-Gehalt im Blut von Landschildkröten abzuzeichnen. Wie ja von Selleri & Di Girolamo (2012, siehe auch Bidmon 2013) beschrieben, liegt der natürliche 25-OH-Vitamin-D3- Spiegel bei Sonnenbestrahlung bei Griechischen Landschildkröten bei 400 nmol/ml Blutplasma – ein Wert, der bei weitem über dem von Menschen liegt, und die Autoren konnten zeigen, dass diese Mengen bei Innenhaltung selbst mit künstlicher UVB-Beleuchtung signifikant absinken. Der Befund, dass sich hohe Vitamin- D-Spiegel positiv auf die Haltung europäischer Land-schildkröten auswirken, wurde jüngst von Hetenyi et al. (2014) bestätigt. Die Autoren zeigen, dass sich zwar die Nahrung mit dem höchsten Vitamin- D-Gehalt positiv auf die Entwicklung der Schildkröten auswirkt, nicht jedoch jene mit dem umfassendsten Multivitaminmix, aber gleichzeitig niedrige-rem Vitamin- D-Anteil.

Schildkröten haben eine großflächige Carapaxpigmentierung, eine relativ dicke Keratin(Horn)schicht und eine deutliche Beschuppung und Pigmentierung an Kopf und Beinen. Das beeinflusst die Vitamin-D-Synthese der Haut negativ, schützt aber vor Sonnenbrand und anderen Verletzungen. Kurz gesagt, müssten sich Land-schildkröten sehr lange der Sonne aussetzen, um solch hohe Vitamin- D-Spiegel ausschließlich über die Eigensynthese in der Haut zu erzeugen (persönliche Mittteilung und Diskussion mit R. B. Jäpelt), was wahrscheinlich zur Überhitzung der Tiere führen würde, und auch trotz der gelegentlichen Sonnenbäder ihrer eher versteckten Lebensweise widerspricht (siehe auch Köhler 2009, McMaster & Downs, 2013a,b, Moulherat et al. 2014).

Abb. 2 Im Außengehege ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schildkröten mit der Nahrung auch Schimmelhyphen aufnehmen Foto: Petra Kösterke
Abb. 2 Im Außengehege ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schildkröten mit der Nahrung auch Schimmelhyphen aufnehmen Foto: Petra Kösterke

Pilzhyphen als
Vitamin-D-Lieferant

Interessant ist deshalb in diesem Zusammenhang der Befund einiger Lebens-mittelchemiker und Tierernährungswissenschaftler, die zeigen, dass sowohl beim ansonsten Vitamin D losen Getreide, als auch beim Wiesenheu der Vitamin-D-Gehalt zwar durch die Sonneneinstrahlung erhöht wird, dass das aber insbesondere zu beobachten ist, wenn die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist oder es darauf geregnet hat. Diese Erhöhung des Vitamin-D-Spiegels liegt daran, dass Pilze – in der Regel Schimmelpilze –, die mit UV-Licht bestrahlt werden, sehr hohe Mengen an Vitamin D2 produzieren (Jäpelt 2011, Jäpelt et al. 2011). Dabei können laut Jäpelt (pers. Mitteilung) in Ausnahmefällen so hohe Mengen erreicht werden, dass Milchkühe selbst während des dänischen  Winters auch ohne zusätzliche Vitamingaben ausreichende Vitamin- D2- Mengen aufnehmen. Diese durch Schimmel bedingte Vitamin-D2-Produktion ist so stark und deutlich, dass tschechische Wissen-schaftler sogar beschreiben, dass der Vitamin- D-Gehalt in geerntetem Ge-treide ein direkter Nachweis für die Intensität des Schimmelbefalls darstellt (Jedlickova et al. 2008). Damit sind jedoch nicht die Fruchtstände des Schimmels gemeint, die man mit dem Auge schon als Schimmel sieht, sondern die Pilz- bzw. Schimmelhyphen, die ja schon lange vorher wachsen und vorhanden sind. Gleiches gilt übrigens auch für andere UVB bestrahlte Pilze, z. B. Speisepilzarten, wie die früher häufig im Winter verwende-ten, selbst gesammelten, in Scheiben geschnittenen und in der Sonne getrockneten Steinpilze.

von Mehltau befallene Blätter
Abb. 3a

Somit ist es sehr wahrscheinlich, dass gerade phytophage Tiere Vitamin- D auch mit der Nahrung aufnehmen, z. B. durch das Fressen von mit Mehltau oder Schimmel befallenen Pflanzen im Freiland. Selbst die versteckt unter dem Gras etwas feuchter lebenden Jungtiere (siehe Weser 1988) könnten solche Vitamin- D-Quellen nutzen. Und für manche wärmeliebenden, aber nicht gerade die Sonne anbetenden Schild-krötenarten ist die gezielte Aufnahme von Pilzen direkt oder auch indirekt über Futtertiere gezeigt (Som et al. 2006, Jones et al. 2007 und auch der Kommentar dazu Bidmon o.J.). Da die Vitamin D Menge in den Pilzen aber auch von der Bestrahlungsintensität abhängt, liegt es nahe, dass sie im Freiland unter natürlicher Sonne höher ist als in der Innenhaltung und Fütterung. Zudem hängen Vitamin-D-Synthese und Schimmelwachstum auch von der Zeit- und Feuchtigkeit ab (Zeit zum Pilzwachstum wie auch Dauer der Bestrahlung). Letzteres bedeutet, dass in einem Außengehege, sofern zugefüttert wird, die Nahrungsreste oft länger liegen bleiben und auch immer wieder vom Morgentau angefeuchtet werden, so dass hier mehr Schimmel wachsen kann, der dann auch noch intensiver mit UVB bestrahlt wird.

Abb. 3a–b Im Spätsommer und Herbst werden gerne von Pilzen (z. B. Mehltau) befallene Blätter der verschiedensten Futterpflanzen mitgefressen (siehe auch Video, SiF-online).
Abb. 3a–b Im Spätsommer und Herbst werden gerne von Pilzen (z. B. Mehltau) befallene Blätter der verschiedensten Futterpflanzen mitgefressen (siehe auch Video, SiF-online).

 Liegengelassenes“ Futter kann
notwendiges Vitamin D enthalten

In der Innenhaltung ist es ja eher so, dass es zum einen trockener ist und zum zweiten jeder, der sich an Hygienestandards hält, nicht sofort oder nicht spätestens bis zum Abend gefressenes Futter entfernt, also Schimmel- oder gar Pilzwachstum so gering wie möglich gehalten wird. Letzteres trägt dann auch dazu bei, dass das Futter in der Innenhaltung weniger durch Pilzhyphen gebildetes Vitamin D2 enthält. Die so in der  Innenhaltung bei geringerer künstlicher UVB-Bestrahlung gehaltenen Schild-kröten zeigen also niedrigere Eigensynthese und nehmen gleichzeitig auch geringere Mengen mit dem Pflanzenfutter auf. Insofern ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, nicht sofort gefressenes Futter doch etwas länger liegen zu lassen.

Vielleicht merken das die Schildkröten sogar, denn es wird ja gar nicht so selten gerade für tropische Arten berichtet, dass sie durchaus auch länger liegende, fast schon trocken werdende Blätter aufnehmen. Möglicherweise merken sie schon instinktiv, dass mit diesem Futter Dinge zugeführt werden können, die ihnen andernfalls fehlen würden – und zwar nicht nur Ballaststoffe.

Wie gesagt, hierbei geht es nicht um die von uns meist wahrgenommenen sichtbaren grauen, weißen oder anders farbigen Pilzfruchtstände von stark verschimmelten Pflanzen oder Lebensmitteln, sondern um die noch unsichtbaren Pilzhyphen. Aber auch hier sei angemerkt, dass zwar Schimmelbefall nicht gerade ein Zeichen für gute Hygiene ist, aber auch nicht jede Schimmelpilzart unhygienisch ist, was wir als Menschen uns ja auch beim Verzehr von solchen Käsesorten wie Bavaria Blue oder Roquefort oder gar bei der Bierhefe durchaus etwas kosten lassen.

Sternschildkröten
Abb. 4a
Abb. 4a–b Auch tropische Landschildkröten wie Sternschildkröten (a) und Strahlenschildkröten (b) verschmähen pilzbefallene Futterpflanzen nicht (siehe Video online
Abb. 4a–b Auch tropische Landschildkröten wie Sternschildkröten (a) und Strahlenschildkröten verschmähen pilzbefallene Futterpflanzen nicht (siehe Video online).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eines gilt es jedoch dennoch bei der Tierhaltung zu beachten, denn auch solche Pilze produzieren nur dann Vitamin D, wenn sie UVB-Strahlung ausgesetzt werden! Wenn allerdings über die Nahrung Vitamin D aufgenommen werden kann, dann kann man dieses auch in Form von Vitaminpräparaten oder Vigantoletten verabreichen, wie es sich schon seit etwas längerer Zeit bei meinen Pfleglingen bewährt hat und so auch von mir beschrieben wurde (siehe Bidmon 2006), was aber auch zu etlichen durchaus kritischen Diskussionen führte – die ich gut finde, denn sie zeugen durchaus von Interesse und dem Willen nicht alles unhinterfragt zu übernehmen. Inzwischen wurde es auch von anderen erfolgreich (siehe Knappe 2011) angewendet.

 Zum Schluss

Während ich diesen Diskussionsbeitrag verfasste, erinnerte ich mich auch an die Schilderung eines Freundes, der während eines Krankenhausaufenthalts im Winter seine Landschildkröten für einen Monat der Versorgung durch eine Bekann-te überlassen musste. Er erzählte, dass er etwas erschrocken gewesen sei, als nach seiner Rückkehr im Gehegesubstrat schon Pilze wuchsen, so dass er aus Angst, sie könnten giftig sein, alles sofort austauschte, aber dennoch fügte er hinzu, dass es ihn überrascht hätte, wie gut und fit seine Schildkröten diese Zeit überstanden hätten. In diesem Sinne, denken Sie einmal drüber nach, und vielleicht wäre das Thema ja auch eine veterinärmedizinische Dissertation im Bereich der Ernährungsphysiologie wert!

Jungtiere verbringen viel Zeit unter feuchten, schattierenden Pflanzen.
Abb. 5 Jungtiere verbringen viel Zeit unter feuchten, schattierenden Pflanzen

Im Spätsommer und Herbst werden gerne von Pilzen (z. B. Mehltau) befallene Blätter der verschiedensten Futterpflanzen mitgefressen.

Autor
Hans-Jürgen Bidmon
E-Mail: hjb@hirn.uni-duesseldorf.de

Vielen Dank an den Autor Hans-Jürgen Bidmon und Michael Daubner, Redaktion “Schildkröten im Fokus” für die Einwilligung zur Veröffentlichung des Beitrages auf meiner Homepage.

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erschienen  Schildkröten im Fokus, /2014

2014_4
Schildkröten im Fokus, 4/2014