Folgen schwerer Haltungsfehler bei Europäischen Landschildkröten

Folgen schwerer Haltungsfehler bei Europäischen Landschildkröten

Text und Fotos: Amine und Hartmut Fehr, Stolberg

Die artgerechte Haltung und erfolgreiche Nachzucht Europäischer Landschildkröten, also aus der Testudo-hermanni- und der Testudo-graeca- Gruppe (zumindest bei einigen Unterarten) sowie von Testudo marginata, ferner der aus dem westasiatischen Raum stammenden Vierzehenschildkröte (Testudo horsfieldii), gelingt vielen Haltern seit langer Zeit mit gutem Erfolg. Der Büchermarkt sowie das Internet bieten eine Vielzahl qualifizierter Informationen, die es auch dem Einsteiger ermöglichen, von Beginn an alles richtig zu machen.

Leider gibt es aber auch – gerade im Internet – Informationen, die in die völlig falsche Richtung gehen. Nach wie vor findet man z. B. immer wieder den Hinweis, dass auf eine Hibernation (Winterstarre) insbesondere junger Tiere (im ersten Jahr bzw. den ersten Jahren) verzichtet werden kann oder sogar soll. Derartige Hinweise werden leider auch gerne von Züchtern und dem Zoo-„Fachhandel“ gegeben, die es nicht riskieren wollen, dass die erworbene Landschildkröte im ersten Winter stirbt und der Kunde wieder vor der Tür steht und „Ersatz“ anmahnt. Auch hinsichtlich der Ernährung werden teilweise Empfehlungen gegeben, die auf dem Speiseplan der Tiere nichts zu suchen haben. Besonders schlimm: auch die Terrarienhaltung wird als ernsthafte Option nicht ausgeschlossen. Hieraus erwachsen zum Teil schwerwiegende Haltungsfehler, die zu massiven Erkrankungen, schlimmen Missbildungen, bis hin zum frühzeitigen, qualvollen Tod der Tiere führen. Solche fast zu Tode gepflegten Tiere landen dann häufig hier in der Praxis und/oder der Auffangstation.

Maurische Landschildkröte (Testudo graeca)

Abb. 1 Diese Maurische Landschildkröte (Testudo graeca) ist von ihrer tödlichen Erkrankung gezeichnet und im wahrsten Sinne des Wortes völlig zusammengebrochen (s. auch Abb. 2).

 

Ein besonders schlimmer Fall

Im Oktober 2014 kam ein Halter mit seiner weiblichen Maurischen Landschildkröte in die Praxis. Das Tier wurde im August 2003 geboren. Es hatte eine Größe von 20 cm und ein aktuelles Gewicht von 874 g. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schildkröte bereits zwei Wochen keine Nahrung zu sich genommen. Der Halter berichtete zudem, dass seine Schildkröte schon seit mehreren Tagen nicht mehr laufen konnte. Das 11 Jahre alte Tier hatte noch nie Winterstarre gehalten. Es lebte abwechselnd in einem Terrarium (ohne Beleuchtung!) und auf dem Fußboden der Wohnung. Die Krallen waren dementsprechend extrem verlängert. Die Ernährung bestand hauptsächlich aus Tomaten und Obst (Äpfel, Bananen). Nur selten wurden frische Kräuter wie Löwenzahn gereicht. Bereits der allgemeine Untersuchungsgang zeigte, dass das Tier todkrank war. Der Panzer war durchweg weich und zeigte eine ausgeprägte Verformung (Kyphose). Auch ohne umfassende Diagnostik war klar, dass die Schildkröte an einer metabolischen Knochenerkrankung im fortgeschrittenen Stadium erkrankt war. Die Osteodystrophie (Osteodystrophia fibrosa generalisata) ist eine vorrangig ernährungsbedingte Mineralstoffwechselstörung, bei der es zum Abbau von Knochengewebe kommt. Die Entkalkung führt schließlich dazu, dass der Carapax regelrecht zusammenfällt. Auch die Extremitätenknochen sind im späten Stadium betroffen, so dass eine Fortbewegung immer unmöglicher wird. Das Tier siecht letztlich nur noch vor sich hin. Die Fotos geben einen Eindruck vom schlimmen Zustand der betroffenen Maurischen Landschildkröte. Sie verstarb wenige Stunden nach Einlieferung in die Praxis. Eine Therapie wäre nicht mehr möglich gewesen. Die post mortem durchgeführte Röntgenaufnahme zeigt das typische Bild des Knochenschwundes. Die Knochensubstanz wurde durch Fasergewebe ersetzt und ist nur noch als feine Knochenbälkchen mit schwammartiger Struktur erkennbar.


Knochenschwund bei einer Landschildkröte zu lange Krallen einer Schildkröte Röntgenaufnahme

Abb.2a–c Dieselbe Schildkröte (a). Die Haltung im Terrarium, bzw. dem Fußboden führte zu übermäßigem Krallenwachstum (b). Im Röntgenbild (c) wird der Knochenschwund deutlich: die Knochensubstanz wurde durch Fasergewebe ersetzt.


Als Ursache für die Erkrankung sind die massiven Haltungsfehler mit jahrelanger Fehlernährung und fehlender Beleuchtung (UV-B) leicht auszumachen. Auf der einen Seite sorgt die permanente und fast ausschließliche Gabe ungeeigneter Nahrungsmittel mit einem ungünstigen Calcium-Phosphor-Verhältnis (Tomate 1:2,1; Banane 1:3,4) für den Knochenschwund. Das fehlende UV-B-Licht tut zum zweiten sein Übriges. Insofern sind hier auch parallel rachitische Anteile am Krankheitsgeschehen anzunehmen, die sich ebenfalls durch Panzererweichung manifestieren. Natürlich möchte man den Halter des Tieres „schütteln“ und´fragen, was das soll.

Die Knochensubstanz wurde bereits durch Fasergewebe ersetzt.

Aber nicht nur einmal konnten wir erleben, dass der jeweilige Besitzer eigentlich (und natürlich) nichts Böses wollte und es ja „nur gut gemeint“ hat. Letztlich handelt es sich um eine von Ahnungslosigkeit und fehlender oder falscher Information getragene Tierquälerei sondergleichen.

Hackfleisch für Vegetarier

Der zweite hier vorgestellte Fall ist kaum weniger dramatisch und endete ebenfalls mit dem Tod des Tieres. Das Krankheitsbild ist zwar ein anderes, die Ursache aber letztlich die gleiche. Die Vierzehenschildkröte wurde im März 2012 in der Praxis vorgestellt. Das Tier wog 869 g bei einer Größe von 15 cm. Die Halterin stellte es vor, weil die Augen komplett zugeschwollen waren und die Schildkröte seit einiger Zeit nur noch apathisch im Terrarium saß. Die Ursache hierfür war allerdings nicht in den Augen zu suchen. Augenerkrankungen sind häufig Ausdruck einer tiefer gelagerten Erkrankung oder stellen Sekundärerkrankungen dar – so auch hier. Das Tier war extrem adipös und quoll regelrecht zu allen Seiten über. Auf die Frage nach den Haltungsbedingungen gab die Halterin folgende Auskunft: überwiegende Terrarienhaltung mit Wärmestrahler (ohne UV-B), gelegentlich „Freigang“ bei schönem Wetter im Garten (wahrscheinlich genau zur Sommerruhezeit der Vierzehenschildkröten). Keine Winterstarre. Als Nahrung wurde vor allem Hackfleisch sowie Haferflocken, Tomaten, Äpfel und Aprikosen gereicht. Neben der Allgemeinuntersuchung erfolgten eine Blutuntersuchung und ein mykologischer und bakteriologischer Augenabstrich. Die Untersuchungen ergaben unter anderem einen vielfach erhöhten Harnstoff- und Harnsäurewert sowie ein inadäquates Calcium-Phosphor- Verhältnis. Der Augenabstrich war erwartungsgemäß ohne Befund. Noch vor Eintreffen der Befunde entzog sich das Tier der Behandlung, indem es verstarb. Auch diese Halterin kam erst dann zur Behandlung bzw. Haltungsberatung, als das Tier schon quasi tot war. Im vorliegenden Fall wurden die Nieren durch die (für Landschildkröten völlig untypische) dauernde Fütterung mit Hackfleisch (und anderer ungeeigneter Nahrung) irreversibel in Mitleidenschaft gezogen. Zudem ist von einer Fettleber auszugehen. Viel Energiezufuhr auf der einen Seite und (terrarienbedingt) fehlende Bewegung auf der anderen Seite führten zu extremer Fettleibigkeit.

Einzig verwunderlich war die Tatsache, dass das Tier unter diesen Bedingungen (kein UV-B, ungeeignete Nahrung: Tomaten usw.) nicht massiv unter einer metabolischen Knochenerkrankung litt (wie die oben beschriebene Maurische Landschildkröte). Im Ergebnis wurde aber auch dieses bemitleidenswerte Tier „zu Tode gepflegt“.

Dampfaufzucht einer Griechischen Landschildkröte

Abb. 4 Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni boettgeri) im Alter von sechs Jahren. Viel zu groß, platt gewachsen und stark höckrig. Eine typische Dampfaufzucht.

Freianlage im Bau

Abb. 5 Freianlage im Bau.

Dampfaufzucht

Das letzte hier vorgestellte Beispiel für die Folgen schwerer Haltungsfehler ging glimpflicher aus. Im August 2012 brachte ein junger Mann seine beiden Griechischen Landschildkröten (Testudo hermanni boettgeri) in die Auffangstation. Gemäß der vorgelegten EU-Bescheinigungen wurden die Tiere im August 2006 geboren und waren somit 6 Jahre alt. Sie hatten ein Gewicht von 689 bzw. 799 g bei einer Größe von 15,5 bzw. 16,3 cm (zum Vergleich: unsere ausschließlich im Freiland gehaltenen und ab dem 1. Jahr Winterstarre haltenden Tiere wiegen bei gleichem Alter ca. 200–250 g und sind halb so groß). Die beiden weiblichen Schildkröten waren stark abgeflacht und höckrig gewachsen. Die Augenlider waren geschwollen, was ein Anzeichen einer aufkommenden Nierenerkrankung sein kann. Auch sie wurden ausschließlich im Terrarium gehalten. Angaben zur Beleuchtung konnte der Halter nicht machen. Den Begriff „Winterstarre“ kannte er nicht. Die Nahrung bestand vor allen Dingen aus Salat, Tomaten und Gurken (Zitat: „was die Küche so hergibt“). Er gab die Tiere ab, weil er sich nicht mehr drum kümmern konnte. „Gott sei Dank und gerade noch rechtzeitig“ möchte man sagen.

Wir überführten die Tiere nach einem ersten Herpestest, parasitologischen Untersuchungen und einem Mykoplasmenabstrich (Erregernachweis- PCR) in die Freilandhaltung; zunächst im Quarantänegehege, seit Anfang der Saison 2014 (nach zwei weiteren Herpestests) innerhalb einer „Boettgeri-Gruppe“. Bei artgerechter Ernährung und Haltung sind die beiden Griechischen Landschildkröten nur sehr langsam weiter gewachsen (729 g bei 16,8 cm und 863 g bei 17,4 cm). Sie sind vital und (abgesehen von ihrer nur leicht korrigierten Unförmigkeit) gesund.


Ein vielseitig strukturiertes Freigehege bietet optimale Möglichkeiten für die artgerechte Haltung

Abb. 6 Ein vielseitig strukturiertes Freigehege bietet optimale Möglichkeiten für die artgerechte Haltung.

Aufwachen nach erfolgter Winterstarre Nachzuchten nach erwachen der Winterstarre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 7a–b Die richtig durchgeführte Winterstarre ist Voraussetzung für dauerhafte gesunde Tiere. Auch im ersten Jahr sollte sie nach unserer Ansicht und Erfahrung durchgeführt werden.


Es war nicht Sinn der vorgelegten Beispiele (von denen wir noch etliche vorstellen könnten) die Folgender falschen Haltung medizinisch bis ins letzte zu dokumentieren. Vielmehr sollte gezeigt werden, dass offenbar immer wieder die gleichen Fehler gemacht werden:

Terrarienhaltung,

fehlende oder falsche Beleuchtung,

(artuntypische) Nahrungsmittelgaben mit ungünstigem Calcium- Phosphor-Verhältnis und/oder hohem Proteingehalt,

keine Winterstarre.

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Im Grunde genommen ist es relativ einfach…

Die Analyse der Haltungsfehler beinhaltet gleichzeitig die Lösung für die artgerechte´Haltung und Pflege gesunder Tiere, die altersgemäß zur Reproduktion kommen und arttypische Verhaltensweisen zeigen. Wer seine Tiere im Freiland (mit beleuchteten und beheizbaren Frühbeeten oder Gewächshäusern) hält, sie vorwiegend mit Wildkräutern ernährt und sie regelmäßig (und ab dem ersten Jahr) in die Winterstarre überführt (und diese richtig durchführt), wird viele Jahrzehnte Freude an gesunden Landschildkröten haben.

Es sind somit letztlich nur wenige, aber eben sehr entscheidende Eckpunkte, die zu berücksichtigen sind. Wir geben Tiere aus der Auffangstation oder unserem eigenen Bestand nur an Halter weiter, die uns entweder ihre Sachkunde nachweisen und die bestehende Freianlage zeigen oder die vorab eine ausführliche Haltungsberatung erhalten haben und eine Freianlage unter Anleitung und „Abnahme“ neu bauen. Was dabei zu beachten ist, wurde von uns bereits an anderer Stelle vorgestellt (Fehr 2013) und kann vielfach nachgelesen werden. Leider ist dies bei Züchtern (von Zoohandlungen ganz zu schweigen) aus unserer Erfahrung nicht immer die Regel. Oftmals werden junge Tiere ungeprüft abgegeben. Es erfolgen weder Beratung (höchstens dahingehend, dass man die jungen Schildkröten in den ersten ein bis zwei Jahren sicherheitshalber nicht überwintern sollte, was nach unserer Erfahrung vollkommen falsch ist) noch weitere Begleitung. Es geht dort oftmals nur um die schnelle Vermarktung. Das Wohl und Schicksal des abgegebenen Tieres stehen nicht an erster Stelle. Hier muss dringend an die Verantwortung eines jeden Halters appelliert werden, der seine Tiere weitergibt. Nach unserer Überzeugung hört diese Verantwortung nicht mit dem Moment der Abgabe der Tiere auf.


Artgerecht gehaltene Tiere kommen regelmäßig zur Reproduktion, wie diese Italienische Landschildkröte (Testudo hermanni hermanni).

Abb. 7 Artgerecht gehaltene Tiere kommen regelmäßig zur Reproduktion, wie diese Italienische Landschildkröte (Testudo hermanni hermanni).

aus dem Ei schlüpfende Schildkröte

Abb. 8 Neues Leben. Die Verantwortung für die Tiere hört nicht mit einer Weitergabe auf. Hierzu gehört auch und im Besonderen eine qualifizierte Haltungsberatung.


Literatur

Fehr, A. (2013):

Zur Haltung Europäischer Landschildkröten, ihrer Gesundheitsvorsorge und alternativ-medizinischen Behandlung. –

Schildkröten im Fokus 10 (3): 17–34.

Autoren
Amine Fehr, Tierheilpraktikerin
(Praxis für Alternative
Tiermedizin)
Hartmut Fehr, Diplom-Biologe
Offizielle Auffangstation für Landschildkröten
in der StädteRegion
Aachen
Wilhelmbusch 11
52223 Stolberg (Rhld.)
Tel.: 02402-1274998
Internet: www.tierheilpraxis-fehr.de
E-Mail: info@tierheilpraxis-fehr.de

 

Tierheilpraxis Fehr

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Vielen Dank an die Autoren Frau Amine Fehr, Hartmut Fehr sowie an die Redaktion „Schildkröten im Fokus“ für die Einwilligung zur Veröffentlichung des Beitrages auf meiner Homepage.

erschienen Schildkröten im Fokus, 4/2015

Schildkröten im Fokus

Weitere, sehr lesenswerte Artikel von Amine Fehr, sind:

Zur artgerechten Haltung Europäischer Landschildkröten und ihrer Gesundheitsvorsorge und alternativmedizinischen Behandlung 

„Mykoplasmeninfektionen bei Landschildkröten und ihre alternativmedizinische Behandlungsmöglichkeit – mit Fallbeispielen aus der Praxis“ 

Folgen schwerer Haltungsfehler am Beispiel einer Vierzehenschildkröte (Testudo horsfieldii) aus der Praxis für Alternative Tiermedizin

„Schildkrötenkrankheiten, Handbuch“

– Körperbau und Funktion der Organe – Nervensystem und Sinnesleistungen – Ausgewählte Verhaltensweisen – Wachstum und Alter – Direkte Haltungs- und Fütterungsschäden – Erkrankungen: Kopf, Augen, Ohren, Atmungsorgane und Verdauungsorgane – Vergiftungen – Bebrütungsfehler und Jungtiererkrankungen.

Schildkrötenkrankheiten, Handbuch
  • Dr. Lutz Sassenburg
  • Herausgeber: Bede
  • Auflage Nr. 3 (11.10.2005)
  • Gebundene Ausgabe: 127 Seiten

Letzte Aktualisierung am 17.02.2018 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API