Gedanken zur Ernährung und Haltung europäischer Landschildkröten

Wie jedes Frühjahr, wenn die Schildkrötensaison beginnt, kommen in diversen Facebookgruppen oder erreichen mich per mail Fragen zur Haltung und Ernährung europäischer Landschildkröten:

  • Was fressen die Tiere?
  • Welches Frühbeet wird benötigt?
  • Welche Wärmelampe ist gut?
  • etc.

Alles Fragen, die sehr wichtig sind und gerade bei Neulinge Verunsicherungen auslösen. Ging mir ja vor Jahren genauso und kann ich daher auch nachvollziehen. Leider gab es 2001 nur wenige Informationen bzw. musste ich lange im Internet suchen bevor ich die gewünschten Antworten erhielt (die damals aber auch nicht so dolle waren).

falsche und nicht artgerechte Haltung im Terrarium
Falsche und nicht artgerechte Haltung im Terrarium

Heute stellt man die Fragen auf Facebook und bekommt postwendend eine Antwort. Oft von richtig guten Experten mit klasse Antworten. Leider „schummeln“ sich dann immer noch Antworten von Haltern rein, die seit Jahren eine Kalthaltung betreiben und/oder es auch mit der Fütterung nicht immer so genau nehmen. Terrarienhaltung lasse ich jetzt mal komplett außen vor, denn da gibt es genügend schlimme Beispiele.

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Wie alle Reptilien sind auch Landschildkröten poikilotherm (wechselwarm). Sie sind also nicht in der Lage, wie Säugetiere, eigene Körperwärme zu entwickeln und sind daher auf die Umgebungstemperatur angewiesen. Vergleiche ich nun die Temperaturen aus ihren Habitaten und bei uns sieht man doch Unterschiede (Vergleich Wetterdaten bei uns im Hunsrück und in Athen):

Vergleich Regentage/Sonnenstunden Athen und Morbach (Hunsrück):

Durchschnittliche Anzahl Regentage/Monat und Sonnenstunden/Tag Athen:

JanuarFeb.MärzAprilMaiJuniJuliAug.Sept.Okt.Nov.Dez.
ØSonnen-Std. am Tag4,65,16,289,811,311,911,39,37,15,54,5
ØRegentage
im Monat
222018161387612172024
Ø Höchst-temperatur11°11°13°16°20°24°27°27°24°20°16°13°
Ø Tiefst-temperatur11°15°20°22°23°19°16°12°

Durchschnittliche Anzahl Regentage/Monat und Sonnenstunden/Tag Morbach im Hunsrück

JanuarFeb.MärzAprilMaiJuniJuliAug.Sept.Okt.Nov.Dez.
ØSonnen-Std. am Tag1,62,73,85,26,56,97,16,453,31,81,3
ØRegentage
im Monat
211819171717171716182121
Ø Höchst-temperatur12°17°19°22°22°17°13°
Ø Tiefst-temperatur-1°-1°11°13°13°10°-1°

Quelle: wetter24.de

Zwar hatten wir auch in den letzten Jahren zum Teil heiße und trockene Sommermonate, doch gerade in den Übergangszeiten ist es bei uns immer noch kalt und nass. Ein Frühbeet mit Wärmelampe(n) sind daher ein absolutes „Muss“. Es gibt wohl dein einen oder anderen Flecken in Deutschland die auch ohne Wärmelampe im Frühbeet auskommt, doch der Großteil muss zu heizen! Reine Kalthaltung kann schwerwiegende Folgen haben: Gicht oder eine Lungenentzündung können die Folgen sein. Auch für Tiere mit Vorerkrankungen kann eine Kalthaltung weitere Krankheitsschübe auslösen
Doch auch zum Verwerten der Nahrung muss das Tier auf seine „Vorzugstemperatur“ von ca. 35 Grad kommen. Warum das so ist, hier eine kurze Erklärung über den Verdauungsvorgang einer europäischen Landschildkröte.   

Aufbau des Verdauungstraktes

Schlüpfling griechische Landschildkröte beim "Kampf" mit einer Stockrosenblüte- Ernährung europäischer Landschildkröten
Schlüpfling griechische Landschildkröte beim „Kampf“ mit einer Stockrosenblüte

Der Verdauungskanal mediterraner Landschildkröten ist im Grunde so aufgebaut wie bei Fleischfresser: Magen, Dünndarm, Blind- und Dickdarm. Die Spezialisierung auf pflanzlicher Kost zeigt sich in den Längsverhältnissen der verschiedenen Darmabschnitte zueinander. Schildkröten haben im Verhältnis zu Ihrer Körpergröße den längsten Darm unter den Reptilien. Pflanzenfressende Landschildkröten haben im Gegensatz zu fleischfressenden Schildkröten einen kurzen Dünndarm aber dafür einen langen Blind- und Dickdarm. In den voluminösen Blind- und Dickdarm wird die pflanzliche Kost mit Hilfe von zelluloseabbauenden Bakterien zersetzt um so an die Nährstoffe zu gelangen. Diese Darmbakterien sind für eine gesunde Schildkröte überlebenswichtig, da ohne sie eine Verdauung nicht möglich wäre. Folglich muss auch die Darmflora gehegt und gepflegt werden. Wichtig sind zum einen die Futterzusammenstellung und auch die allgemeine Haltung der Landschildkröte.

Hier mal grob erklärt, wie die Verdauung einer europäischen Landschildkröte abläuft:

Mit ihrem scharfkantigen Hornschnabel beißt die Schildkröte Teile einer Pflanze ab. Mit ihrer fleischigen, in ihrer Bewegung stark eingeschränkten Zunge, werden die Pflanzenteile mit Hilfe ruckartiger Kopfbewegungen rachenabwärts befördert. Die eingespeichelt Nahrung wird dann weiter in den Magen geleitet. Hier wird die Nahrung einmal durch Zusammenziehen der muskulösen Magenwand mechanisch zerkleinert. Mit Hilfe von Enzymen findet auch eine chemische Zersetzung statt. Dieser Magensaft enthält Salzsäure und das eiweißabbauende Enzym Pepsin. Im Dünndarm (bei pflanzenfressende Landschildkröten ist dieser vergleichsweise kurz) werden mit Hilfe der Bauchspeichel, der Galle und Sekrete der Darmwand der Nahrungsbrei weiter in Eiweißen, Fetten und Kohlenhydraten aufgespalten. Anschließend gelang der Brei in den Blind- und Dickdarm. Hier findet die eigentliche Verdauung der pflanzlicher Faserstoffe statt. Die hier befindlichen Kleinstlebewesen (Bakterien und Einzeller) zersetzen die Nahrung durch Enzyme, damit der Organismus diese auch verwerten kann (mikrobielle Fermentation).

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Damit ein großer Anteil der wertvollen Inhaltsstoffe von Pflanzenteilen verwertet werden können, müssen diese lange im Darm verweilen um von der Mikroflora (Bakterien) und Mikrofauna( Einzeller) zersetzt werden können. So werden Pflanzen mit hohem Wassergehalt schneller weitergeleitet und verarbeitet. Pflanzen mit langen Fasern verweilen länger im Darm um zersetzt werden zu können. Richtig auf Touren kommen die Bakterien im Darm, wenn hohe Temperaturen herrschen und die Schildkröte sich auf Betriebstemperatur bringen kann. Das Futter wird dann schneller von den Bakterien verdaut, als bei kaltem, nassen Wetter.
Kann das Tier sich nicht auf seine Vorzugstemperatur bringen, findet daher auch keine Verdauung statt.  Umso wichtiger ist es daher den Schildkröten in unseren Breitengraden immer ein Schutzhaus mit einer Wärmequelle anzubieten. Natürlich spielen noch weitere Faktoren bei der Verdauung eine Rolle, aber am wichtigsten ist eine gesunde Darmflora für die Schildkröte und diese vor allem zu erhalten. Kontraproduktiv wäre es deshalb auch, die Tiere vor der Starre zwangszubaden um den Darm komplett zu entleeren. Die Darmflora würde zerstört werden , die nützlichen „Helferlein“ werden ausgespült. Folge wäre im Extremfall: Das Tier würde fressen, aber durch die fehlenden Bakterien wird der Nahrungsbrei nicht verwertet werden können.
Ist die Darmflora z.B. durch Medikamente geschädigt, fressen Landschildkröten gezielt Kot ihrer Artgenossen oder in ihren Habitaten von Ziegen oder Pferden um mit den darin enthalten Mikroorganismen ihre Darmflora wieder aufzubauen. Häufig ist das auch bei Jungtieren zu beobachten, da diese ja erst noch eine „funktionierende“ Darmflora aufbauen müssen.  

Ernährung europäischer Landschildkröten: Verdauungskanal europäischer Landschildkröte
Der Verdauungskanal-Quelle: „Ernährung von Landschildkröten“ von Dr. med. vet. Carolin Dennert

Was ist mit Obst??

Oft ein Thema in diversen Schildkrötengruppen ist die Fütterung mit Obst. Das Argument “In ihrer Heimat fressen sie auch Obst“ kann ich nur bedingt gelten lassen. In Ihren Primärhabitaten (also vom Mensch NOCH nicht bearbeitet) wachsen wilde Früchte, wie z.B. Wildapfel. Diese schmecken sehr fade, haben kaum Fruchtzucker und einen reduzierten Wasseranteil. Darüber hinaus sind diese Früchte auch nur kurze Zeit verfügbar.
Die vom Menschen bereits bearbeiteten Flächen (Sekundärhabitate) an angebauten Obst wie Melonen, Erdbeeren etc. sind dagegen nicht geeignet für mediterrane Landschildkröten. Der hohe Anteil von Kohlenhydraten (Fruchtzucker) fördert den Wachstum von Hefepilzen. Würmer und sonstige Darmparasiten können sich so explosionsartig vermehren. Das Obst passiert zu schnell den Darm (wie auch ballaststoffarmes Futter z. B. Kopfsalat), kann nicht verwertet werden und wird als Durchfall ausgeschieden. Die natürliche Darmflora kann dadurch zerstört werden, Bakterienstämme machen sich breit und produzieren Gase und Blähungen. Natürlich bringt jetzt eine einzelne Erdbeere die Schildkröte nicht um, aber es gibt doch so viel gesündere Alternativen die unsere Pfleglinge genauso gerne fressen und ebenso schön rot oder andersfarbig sind. Ein absolutes Highlight für unsere Tiere sind z.B. Blüten der Stockrose. Aber auch andere Blüten wie z.B. von der Nachtkerze, der Königskerze und dem Löwenzahn sind Leckerbissen für die Tiere. Natürlich sollte man es auch hier nicht übertreiben und immer in Maßen füttern.

Zu weiteren natürliche Ernährung gehört natürlich eine täglich gefüllte Trink- und Badeschale und das Bereitstellen von Kalciumquellen wie Algenkalk, Knochen und Sepiaschalen.

Algenkalk
Algenkalk als Kalciumquelle


Für mich nun wichtig für eine artgerechte Haltung und Ernährung europäischer Landschildkröten:

Freigehege  mit mindestens 10 qm Größe pro erwachsenem Tier, plus 5 qm für jedes weitere Tier. Damit sich Landschildkröte ohne Zufüttern an den wachsenden Wildkräuter selbst ernähren können, sind pro Tier ca 20 qm Freigehege nötig. Landschildkröten sind Weidegänge und fressen von einer Pflanze ein Stück und rennen dann zu nächsten. Bei einer Größe von 20 qm pro Tier haben die Pflanzen dann auch genügend Zeit sich wieder zu erholen und nachzuwachsen (Ist für die meisten von der Größe aber nur schwer umsetzbar!).

Fütterung ausschließlich mit Wildkräutern!
In den Sommermonaten bekommen unsere Tiere überwiegend selbstgetrocknetes Heu aus Wildkräutern und Agrobs. Auch hier richte ich meinen Blick in ihre Habitate: In den Sommermonaten (die ja um einiges wärmer sind als bei uns!) verdorren die Pflanzen und die Tier müssen mit dem vorlieb nehmen, was gerade noch übrig ist. So kann es natürlich sein, das europäische Landschildkröten in ihren Habitaten auch tagelang nichts zu fressen haben. Bei uns gibt es dann auch mal solche „Fastentage“, indem ich die Futterwiese geschlossen halte bzw auch nicht zufüttere. Als Leckerli erhalten unsere Tiere Blüten von Malven, Stockrosen etc und auch mal als besonderes Leckerli eine Walderdbeere! (die aber natürlich nicht zu vergleichen sind mit den „Zuckerbomben“ aus dem Markt)

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Freigehege von Sven Simon-Mathes
Gewächshaus mit Technik von Sven Simon-Mathes

Wärmelampen in den Frühbeeten und im Schildkrötenhaus.
Damit die Tiere sich auf ihre Vorzugstemperatur von 35 Grad bringen können und damit auch das Futter/bzw. der Futterbrei verarbeitet werden kann. Hier muss man bisserl ausprobieren! Es ist auch nicht sinnvoll, die Tiere Dauer zu Bestrahlen! Wenn unsere griechische Landschildkröten ca. Mitte März wach werden ( In diesem Jahr durch paar wärme Tage sogar bereits im Februar!) mache ich die Lampen nicht gleich an, sondern schaue erstmal auf die Wettervorhersagen. Tatsächlich wurde es im Februar nach paar Tagen wieder kälter und die bereits erwachten Tieren hatten sich wieder vergraben. Ich hatte natürlich Futter und Wasser bereitgestellt was auch angenommen wurde.
Da wir in den letzten Jahren ja doch schöne, warme Sommermonate hatten waren die Lampen auch nur zeitweise an (Regelung über einen Thermotimer). Um auch mal „Schlechtwetter“ im Sommer zu simulieren, lasse ich die Lampen auch mal paar Tage aus. Ist natürlich von Region zu Region unterschiedlich und muss jeder für sich raus finden. Aber Wärmelampen und Frühbeete, besonders in den Übergangszeiten, sind unerlässlich!

Kältestarre
Wer sich nur bisserl Gedanken über die Haltung europäischer Landschildkröten, weiß, wie wichtig diese Ruhephasen für die Tiere sind. Hier gibt es natürlich auch verschiedene Möglichkeiten. Ich bevorzuge die relativ natürlichste Art der Starre: In unserem Schildkrötenhaus. Ist geschützt vor Eindringlingen (obwohl es einen 100% Schutz nicht gibt! Aber wo gibt es denn schon?!) und vor sibirischer Kälte (mit Heizkabel abgesichert). Die Tiere können sich vergraben wann sie wollen und nach der Starre selbstständig wieder raus kommen.
Ich lasse die Tiere also selbst entscheiden, wann die Ruhephase beginnt und auch wieder endet. Ich stelle lediglich Futter und Wasser bereit. Vom „Zwangsbaden“ , wie oben erwähnt, rate ich ab. Wie lange die Tiere starren sollen, kann ich pauschal nicht beantworten. In Ihren Habitaten starren die Tiere je nach Gebiet 3 bis 6 Monate. Um das auch bei sich umzusetzen, müsste bekannt sein, aus welchem Ursprungshabitat seine Tiere stammen. Wissen leider die wenigsten, daher hat sich das bei uns auf 4-5 Monate eingependelt. 

Fazit
Es muss natürlich jeder für sich entscheiden, was für sein Tier das Beste ist. Wer „stolz“ davon berichtet, das sein Tier schon 10 Jahre im Terrarium bei Obst und Eisbergsalat „lebt“ oder 20 Jahre im Freien ohne Frühbeet und Wärmelampe „überlebt “ hat, sollte sich aber auch  mal Wetterdiagramme aus den Ursprungshabitaten ansehen und sich über Lebensweise und Ernährung informieren. Dann wird er (hoffentlich!) zu Erkenntnis gelangen, das seine Haltung noch etwas optimiert werden muss.


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