Steckbrief Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)

Bild: Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)
Foto: musicinside/Canva.com

Da die Europäische Landschildkröte die einzige in Deutschland heimische Schildkröte ist, habe ich diese Art im Steckbrief etwas ausführlicher behandelt.

Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) gilt als einzige in Mitteleuropa ursprünglich beheimatete Schildkrötenart und verkörpert ein lebendes Fossil, dessen Vorfahren bereits vor über 200 Millionen Jahren unseren Planeten bevölkerten. Diese anmutige Wasserschildkröte hat die Eiszeiten überdauert und fasziniert Naturliebhaber wie Wissenschaftler gleichermaßen. In vielen Regionen Europas steht sie heute unter strengem Schutz, da ihre Bestände durch Lebensraumzerstörung und andere anthropogene Einflüsse dramatisch zurückgegangen sind.

Als wechselwarmes Reptil ist die Europäische Sumpfschildkröte eng an aquatische Lebensräume gebunden und verbringt einen Großteil ihres Lebens im oder am Wasser. Ihre versteckte Lebensweise und die zunehmende Seltenheit machen Begegnungen mit wildlebenden Exemplaren zu einem besonderen Naturerlebnis. Die folgende umfassende Darstellung beleuchtet alle wesentlichen Aspekte dieser bemerkenswerten Art – von ihrer Taxonomie über ihre Lebensweise bis hin zu den engagierten Bemühungen, sie vor dem Aussterben zu bewahren.

Trivialnamen

Die Emys orbicularis trägt im deutschsprachigen Raum verschiedene volkstümliche Bezeichnungen, die häufig auf ihren bevorzugten Lebensraum oder charakteristische Merkmale Bezug nehmen. Neben dem geläufigsten Namen Europäische Sumpfschildkröte sind folgende Trivialnamen gebräuchlich:

Der Name Teichschildkröte verweist unmittelbar auf die Vorliebe dieser Art für stehende Gewässer wie naturnahe Teiche und Weiher. Die historische Bezeichnung Kreuzotterkröte entstammt dem regionalen Sprachgebrauch vergangener Jahrhunderte und spiegelt die damalige Unkenntnis über die tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse wider. Als Schwarze Schildkröte wird sie aufgrund ihrer dunklen Panzergrundfarbe bezeichnet, während die Begriffe Europäische Teichschildkröte und Gemeine Sumpfschildkröte als weitere Synonyme Verwendung finden.

 Unterarten

Die taxonomische Gliederung der Europäischen Sumpfschildkröte ist Gegenstand anhaltender wissenschaftlicher Diskussionen und wurde im Laufe der Forschungsgeschichte mehrfach revidiert. Aktuell werden dreizehn bis vierzehn Unterarten anerkannt, die sich in Morphologie, Färbung und geographischer Verbreitung unterscheiden. Diese bemerkenswerte Diversität innerhalb einer einzigen Art spiegelt die komplexe Besiedlungsgeschichte Europas wider und ist das Ergebnis von Isolationsprozessen während der pleistozänen Eiszeiten.

Europäische Sumpfschildkröte – Häufig anerkannte Unterarten

Unterart (wissenschaftlich) Deutscher Name Verbreitung
Emys orbicularis orbicularis Nominatform Mittel- und Osteuropa, Russland, Balkan
Emys orbicularis galloitalica Italienische Sumpfschildkröte Italien, Südfrankreich, Korsika
Emys orbicularis hellenica Griechische Sumpfschildkröte Griechenland, Türkei, Balkan
Emys orbicularis occidentalis Iberische Sumpfschildkröte Spanien, Portugal, Südwestfrankreich
Emys orbicularis eiselti Östliche Sumpfschildkröte Kleinasien, Türkei
Emys orbicularis persica Persische Sumpfschildkröte Iran, Region Kaspisches Meer
Emys orbicularis colchica Kolchis – Sumpfschildkröte Georgien, Kaukasus
Emys orbicularis capolongoi Sizilianische Sumpfschildkröte Sizilien

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) beim sonnen

Beschreibung mit typischen Erkennungsmerkmalen

Die Europäische Sumpfschildkröte zählt zu den mittelgroßen Süßwasserschildkröten und weist einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus auf, der sich in mehreren morphologischen Merkmalen manifestiert. Weibchen erreichen eine Carapaxlänge von 14 bis 23 Zentimetern, während Männchen mit 12 bis 18 Zentimetern deutlich kleiner bleiben. Das Körpergewicht adulter Tiere variiert zwischen 400 und 700 Gramm, wobei besonders stattliche Weibchen auch über ein Kilogramm wiegen können. Die Geschlechtsreife wird je nach klimatischen Bedingungen im Alter von 8 bis 15 Jahren erreicht.

Panzermerkmale

Der Rückenpanzer (Carapax) präsentiert sich oval bis leicht elliptisch geformt und erscheint bei adulten Exemplaren nur schwach gewölbt, was eine stromlinienförmige Silhouette ergibt und das Schwimmen erleichtert. Bei Jungtieren ist der Panzer noch deutlich runder und stärker gewölbt. Die Grundfärbung changiert zwischen einem tiefen Dunkelbraun und einem nahezu schwarzen Farbton, wobei erhebliche individuelle und geographische Variationen auftreten können.

Charakteristisch sind die gelblichen bis goldenen Flecken, Punkte oder strahlenförmigen Linien, die je nach Unterart und Individuum unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und dem Panzer ein unverwechselbares Erscheinungsbild verleihen. Diese Zeichnung kann von feinen Punkten bis hin zu ausgeprägten Strahlenmuster reichen und verblasst mit zunehmendem Alter tendenziell etwas. Der Carapax besteht aus 38 Hornschilden, die den darunterliegenden Knochenpanzer bedecken.

Der Bauchpanzer (Plastron) zeigt sich hingegen deutlich heller gefärbt – von Gelblich über Elfenbeinfarben bis Bräunlich – und trägt häufig dunkle Fleckenmuster, die von einzelnen Punkten bis zu großflächigen schwarzen Bereichen reichen können. Eine anatomische Besonderheit stellt das flexible Scharnier zwischen dem vorderen und hinteren Plastronabschnitt bei älteren Weibchen dar, das eine gewisse Beweglichkeit ermöglicht und vermutlich die Eiablage erleichtert. Der Rücken- und Bauchpanzer sind seitlich durch eine knöcherne Brücke miteinander verbunden.

Körpermerkmale

Die Haut der Europäischen Sumpfschildkröte ist dunkelgrau bis schwarz und ebenfalls mit charakteristischen gelben Punkten übersät, die ein individuelles Muster bilden – ähnlich einem Fingerabdruck. Diese auffällige Zeichnung erstreckt sich über den gesamten Körper, einschließlich des Kopfes, des Halses und der kräftigen Gliedmaßen. Die Punkte können bei manchen Individuen sehr zahlreich und dicht stehen, während sie bei anderen nur spärlich vorhanden sind.

Die Augen erscheinen bei Männchen häufig rötlich bis orange, während Weibchen meist gelbliche Irisfarben aufweisen. Dieses Merkmal ist jedoch nicht absolut zuverlässig und kann je nach Lichtbedingungen und Alter variieren. Der Kopf ist relativ klein und spitz zulaufend, mit einem hornigen Schnabel ohne Zähne, der jedoch über scharfe Schneidekanten verfügt.

Die Extremitäten sind mit kräftigen Schwimmhäuten ausgestattet, die zwischen den Zehen gespannt sind und eine effiziente Fortbewegung im Wasser ermöglichen. Sie enden in scharfen Krallen – bei Männchen typischerweise fünf an den Vorderbeinen, bei Weibchen vier Krallen pro Fuß. Diese Krallen dienen dem Festhalten an Untergründen, dem Zerreißen von Beutetieren und bei Männchen auch dem Festklammern am Weibchen während der Paarung.

Der relativ lange, kräftige Schwanz ist bei Männchen deutlich länger und dicker ausgeprägt als bei Weibchen, was neben der Körpergröße das wichtigste sekundäre Geschlechtsmerkmal darstellt. Bei Männchen liegt die Kloake weiter vom Panzerrand entfernt, was mit der Paarungsmechanik zusammenhängt. Die Kombination aus konkavem Plastron (bei Männchen), längeren Krallen und dem längeren Schwanz ermöglicht eine zuverlässige Geschlechtsbestimmung adulter Tiere.

Unterscheidung von ähnlichen Arten

Die Europäische Sumpfschildkröte kann mit ausgesetzten nordamerikanischen Schmuckschildkröten verwechselt werden, die in vielen europäischen Gewässern mittlerweile häufiger anzutreffen sind als die heimische Art. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal ist das Fehlen von farbigen Kopfstreifen bei Emys orbicularis, während beispielsweise die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) deutliche rote Temporalflecken hinter den Augen aufweist. Die Gelbwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta scripta) besitzt entsprechend gelbe Streifen.

Weitere Unterscheidungsmerkmale umfassen die Panzerform (bei Schmuckschildkröten oft stärker gekielt), die Hautzeichnung (bei Emys punktförmig, bei Trachemys streifig) und das Verhalten (Europäische Sumpfschildkröten sind in der Regel deutlich scheuer).

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)

Verbreitungsgebiet

Die Europäische Sumpfschildkröte besitzt das größte Verbreitungsareal aller paläarktischen Schildkrötenarten und kommt als einzige Schildkrötenart natürlicherweise in Mitteleuropa vor. Ihr Vorkommen erstreckt sich über drei Kontinente und umfasst weite Teile Europas, Nordafrikas und Westasiens – ein Gebiet von beeindruckender geographischer Ausdehnung.

Geographische Verbreitung

Im Norden erreicht die Art ihre Verbreitungsgrenze in Litauen, Lettland und dem südlichen Polen, wobei historische Funde sogar aus Südschweden bekannt sind. Diese nördlichen Vorkommen sind Relikte aus der postglazialen Wärmeperiode vor etwa 5.000 bis 8.000 Jahren, als die klimatischen Bedingungen günstiger waren. Historische Populationen in Norddeutschland und Dänemark sind weitgehend erloschen, und auch in Polen sind die Bestände stark fragmentiert.

Im Westen besiedelt die Art die Iberische Halbinsel, wo sie in geeigneten Habitaten noch relativ häufig vorkommt, sowie weite Teile Frankreichs. Das westlichste Vorkommen liegt an der Atlantikküste Portugals. Im Osten erstreckt sich das Verbreitungsgebiet über die Ukraine, Südrussland und die Steppen Kasachstans bis zu den Uferregionen des Aralsees. Isolierte Populationen existieren zudem im westlichen Sibirien.

Die südliche Verbreitung umfasst den gesamten Mittelmeerraum einschließlich der großen Inseln wie Sizilien, Sardinien und Korsika, wobei auf jeder dieser Inseln eigenständige Unterarten vorkommen. Auf den Balearen und Malta fehlt die Art hingegen. In Nordafrika finden sich Populationen in Marokko, Algerien und Tunesien, die der Unterart Emys orbicularis occidentalis zugerechnet werden.

Im Südosten erstreckt sich das Vorkommen über die gesamte Balkanhalbinsel, die Türkei, den Kaukasus, den Iran und bis nach Afghanistan und möglicherweise den westlichen Rand Pakistans. Diese südöstlichen Populationen weisen die größte genetische Diversität auf und gelten als ursprünglichste Vertreter der Art.

Situation in Deutschland

In Deutschland gilt die Europäische Sumpfschildkröte als vom Aussterben bedroht und gehört zu den seltensten Wirbeltierarten des Landes. Die Rote Liste führt sie in der höchsten Gefährdungskategorie 1. Autochthone, das heißt ursprüngliche und nicht durch den Menschen eingebrachte Populationen, existieren nur noch an wenigen isolierten Standorten.

Das wichtigste Verbreitungsgebiet liegt in Brandenburg, insbesondere in den gewässerreichen Landschaften der Uckermark, des Oberspreewaldes und der Region um den Naturpark Stechlin-Ruppiner Land. Hier finden sich die individuenstärksten verbliebenen Populationen Deutschlands, wenngleich auch diese nur wenige hundert Tiere umfassen dürften.

In Mecklenburg-Vorpommern existieren Vorkommen im Bereich der Feldberger Seenlandschaft an der Grenze zu Brandenburg. Weitere historische oder aktuelle Vorkommen werden aus Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt berichtet, wobei die Ursprünglichkeit einiger dieser Populationen wissenschaftlich umstritten ist. Vielerorts handelt es sich um ausgesetzte Tiere oder deren Nachkommen.

Die dramatische Bestandssituation in Deutschland ist das Ergebnis jahrhundertelanger Lebensraumzerstörung, insbesondere der Trockenlegung von Feuchtgebieten für die landwirtschaftliche Nutzung, sowie der direkten Verfolgung. Historische Quellen belegen, dass Sumpfschildkröten früher als Fastenspeise verzehrt wurden und in großer Zahl gefangen wurden.

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Lebensraum

Die Europäische Sumpfschildkröte bevorzugt stehende oder langsam fließende Gewässer mit reichhaltigem Pflanzenbewuchs und schlammigem Untergrund. Als semiaquatische Art verbringt sie den Großteil ihres Lebens im Wasser, benötigt jedoch auch terrestrische Strukturen für die Thermoregulation und die Fortpflanzung. Die Habitatansprüche sind komplex und erfordern das Vorhandensein verschiedener Strukturelemente auf engem Raum.

Primärhabitate

Zu den bevorzugten Lebensräumen zählen Altarme und Altwässer von Flüssen mit üppiger Ufervegetation, die durch natürliche Flussdynamik entstanden sind. Diese Gewässer bieten optimale Bedingungen mit ihren flachen, sich schnell erwärmenden Uferzonen und dem reichen Nahrungsangebot. Naturnahe Teiche mit strukturreichen Flachwasserbereichen, dichtem Pflanzenbewuchs und schlammigem Grund stellen ebenfalls wichtige Habitate dar.

Sumpfgebiete und Moore mit offenen Wasserflächen werden besiedelt, sofern ausreichend besonnte Bereiche vorhanden sind. In Überschwemmungsgebieten und Auenlandschaften findet die Art ein Mosaik aus verschiedenen Gewässertypen, das ihren Ansprüchen entspricht. Auch Gräben und Kanäle mit geringer Strömung sowie naturnahe Weiher und Seen mit schlammigem Grund können als Lebensraum dienen.

Im Mittelmeerraum besiedelt die Art auch temporäre Gewässer, die im Sommer austrocknen können, sowie Brackwasserbereiche in Küstennähe. Die ökologische Plastizität variiert dabei zwischen den Unterarten.

Habitatansprüche im Detail

Ein optimales Habitat vereint mehrere essentielle Elemente, deren Zusammenspiel für das Überleben und die Reproduktion der Art entscheidend ist. Sonnenexponierte Plätze wie umgestürzte Bäume, schwimmende Vegetationsinseln, flache Steine oder vegetationsfreie Uferbereiche dienen als Thermoregulationsstandorte. An diesen sogenannten Sonnenplätzen können sich die wechselwarmen Reptilien aufwärmen und ihre Körpertemperatur auf das für die Verdauung und Aktivität optimale Niveau von etwa 25 bis 30°C bringen.

Die Wassertemperatur sollte in den Sommermonaten regelmäßig mindestens 20°C erreichen, da niedrigere Temperaturen die Aktivität, Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung einschränken. In Mitteleuropa stellt dies einen limitierenden Faktor dar, weshalb die Art hier auf besonders wärmebegünstigte Gewässer angewiesen ist. Flache, pflanzenreiche Uferzonen erwärmen sich schneller als tiefe Gewässerbereiche.

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)

Für die Eiablage benötigen die Weibchen sandige oder lehmige, gut besonnte Böden in Gewässernähe – idealerweise südexponierte Hänge, Böschungen, Wegränder oder offene Flächen. Diese Eiablageplätze können sich durchaus mehrere hundert Meter, in Ausnahmefällen sogar über einen Kilometer vom Wohngewässer entfernt befinden. Der Boden muss grabfähig sein und darf nicht zu stark durchwurzelt oder verdichtet sein.

Die Art bevorzugt Gewässer mit einer Mindesttiefe von 50 bis 100 Zentimetern, um auch in trockenen Perioden genügend Wasser vorzufinden und sichere Winterquartiere zu bieten. Gleichzeitig sind flache Uferzonen mit Unterwasservegetation wichtig für die Nahrungssuche, als Versteckmöglichkeiten vor Fressfeinden und als Aufenthaltsort für Jungtiere.

Versteckmöglichkeiten wie überhängende Ufer, Wurzelwerk, dichte Wasserpflanzenbestände und versunkenes Totholz sind essentiell, um Prädatoren zu entgehen und Ruhephasen ungestört verbringen zu können. Die Strukturvielfalt eines Gewässers korreliert stark mit seiner Eignung als Sumpfschildkrötenhabitat.

Jahresrhythmus und Aktivität

Die Europäische Sumpfschildkröte hält in Mitteleuropa eine Winterstarre (Hibernation) von Oktober oder November bis März oder April, deren genaue Dauer von den lokalen klimatischen Bedingungen abhängt. In mediterranen Regionen kann die Winterruhe deutlich kürzer ausfallen oder bei milden Temperaturen ganz entfallen.

Die Ruhephase verbringen die Tiere eingegraben im Schlamm am Gewässergrund, in Uferhöhlen, unter überhängenden Wurzeln oder in anderen geschützten Strukturen. Der Stoffwechsel wird während dieser Zeit drastisch heruntergefahren, und die Tiere nehmen keine Nahrung zu sich. Die Sauerstoffaufnahme erfolgt in reduziertem Maße über die Haut und spezialisierte Bereiche der Kloake.

Nach dem Erwachen aus der Winterstarre beginnt die Paarungszeit, die sich von April bis Juni erstreckt. Die Männchen zeigen dann ein charakteristisches Balzverhalten, bei dem sie die Weibchen unter Wasser verfolgen und mit Kopfbewegungen und Berührungen umwerben. Die Eiablage erfolgt typischerweise im Juni, wenn die Weibchen an Land gehen und mit den Hinterbeinen eine Nesthöhle graben. Ein Gelege umfasst durchschnittlich 3 bis 16 Eier, die nach einer temperaturabhängigen Inkubationszeit von 80 bis 120 Tagen schlüpfen.

Die Jungtiere schlüpfen je nach Witterung zwischen August und Oktober oder überwintern im Nest und verlassen dieses erst im folgenden Frühjahr. Das Geschlecht der Nachkommen wird wie bei vielen Reptilien durch die Inkubationstemperatur bestimmt: Höhere Temperaturen führen zu mehr Weibchen, niedrigere zu mehr Männchen.

Nahrung und Ernährungsweise

Die Europäische Sumpfschildkröte ernährt sich omnivor mit deutlich carnivor Tendenz, wobei der Anteil tierischer Nahrung etwa 70 bis 80 Prozent ausmacht. Als opportunistische Jägerin erbeutet sie, was in ihrem Lebensraum verfügbar und überwältigbar ist.

Zum Nahrungsspektrum zählen wirbellose Tiere wie Wasserschnecken, Muscheln, Wasserinsekten und deren Larven (besonders Libellenlarven), Krebstiere, Würmer und Blutegel. Auch kleine Wirbeltiere werden nicht verschmäht, darunter Kaulquappen, kleine Frösche, Molche und gelegentlich kleine Fische. Aas wird ebenfalls angenommen und kann zeitweise einen bedeutenden Nahrungsanteil ausmachen.

Der pflanzliche Nahrungsanteil umfasst verschiedene Wasserpflanzen, Algen und gelegentlich an der Wasseroberfläche treibende Früchte oder Samen. Jungtiere ernähren sich in den ersten Lebensjahren fast ausschließlich carnivor und nehmen erst mit zunehmendem Alter mehr pflanzliche Kost zu sich.

Die Nahrungsaufnahme erfolgt ausschließlich unter Wasser, da die Schildkröten zum Schlucken Wasser benötigen. Mit ihren kräftigen Kiefern können sie auch hartschalige Beutetiere wie Schnecken aufbrechen.

Baumstämme im Wasser dienen als Sonnenplätze

Haltung in menschlicher Obhut

Die Haltung der Europäischen Sumpfschildkröte unterliegt strengen gesetzlichen Regelungen, die unbedingt beachtet werden müssen. Als nach Anhang II und IV der FFH-Richtlinie sowie dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES Anhang II) geschützte Art ist der Besitz nur mit entsprechenden Herkunftsnachweisen und Dokumenten gestattet. In Deutschland ist die Art zudem nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt.

Vor der Anschaffung sollte unbedingt die zuständige Untere Naturschutzbehörde konsultiert werden, um die rechtlichen Anforderungen zu klären. Tiere aus legaler Nachzucht müssen mit einem Herkunftsnachweis versehen sein, und der Besitz ist meldepflichtig. Die Haltung von Wildfängen ist streng verboten und wird strafrechtlich verfolgt.

Freilandhaltung im Gartenteich

Die artgerechteste und empfehlenswerteste Haltungsform stellt ein großzügiger Gartenteich dar, der den natürlichen Lebensraum möglichst gut nachbildet. Diese Haltungsweise ermöglicht es den Tieren, ihren natürlichen Verhaltensweisen nachzugehen und den Jahresrhythmus mit Winterstarre zu durchleben.

Der Teich sollte folgende Mindestanforderungen erfüllen, wobei größere Dimensionen stets vorzuziehen sind:

Die Wasserfläche sollte für ein einzelnes Tier mindestens 5 Quadratmeter betragen, für ein Paar mindestens 10 Quadratmeter, idealerweise jedoch deutlich größer. Pro zusätzlichem Tier sollten weitere 5 Quadratmeter eingeplant werden. Die Wassertiefe sollte zwischen 60 und 120 Zentimetern variieren, wobei sowohl tiefe Bereiche für die Überwinterung als auch flache, sich schnell erwärmende Uferzonen vorhanden sein müssen.

Sonnenplätze in Form von schwimmenden Plattformen, flachen Steinen, Baumstämmen oder speziellen Schildkröteninseln sind unverzichtbar und sollten in ausreichender Zahl vorhanden sein, um Konkurrenz zwischen den Tieren zu vermeiden. Diese müssen vollsonnig exponiert sein und einen leichten Zugang vom Wasser aus ermöglichen.

Eine reichhaltige Vegetation mit Wasserpflanzen wie Seerosen, Wasserpest, Hornblatt, Tausendblatt und Unterwassergräsern bietet Versteckmöglichkeiten, Nahrung und trägt zur Wasserqualität bei. Der Bodengrund sollte zumindest in Teilbereichen aus Schlamm oder feinem Sand bestehen, der das Eingraben für die Winterruhe ermöglicht.

Eine ausbruchsichere Umzäunung ist unerlässlich, da Sumpfschildkröten ausgezeichnete Kletterer sind und erhebliche Strecken an Land zurücklegen können. Der Zaun sollte mindestens 50 Zentimeter hoch sein, nach innen überhängend konstruiert werden und auch 20 bis 30 Zentimeter tief in den Boden eingegraben sein, um ein Untergraben zu verhindern.

Für die Eiablage muss ein geeigneter Landteil mit lockerem, sandigem oder lehmigem Substrat vorhanden sein. Dieser sollte vollsonnig exponiert, leicht erhöht und vor Prädatoren geschützt werden können. Eine Fläche von mindestens 2 bis 3 Quadratmetern mit einer Substrattiefe von 30 bis 40 Zentimetern ermöglicht den Weibchen das Anlegen geeigneter Nester. Werden die Gelege im Freiland belassen, empfiehlt sich ein Schutz durch engmaschige Drahtgitter gegen Nesträuber wie Waschbären, Füchse oder Marder.

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Innenhaltung im Aquaterrarium

Eine ganzjährige Innenhaltung ist möglich, stellt jedoch höhere Anforderungen an den Halter und ist insgesamt als weniger ideal zu betrachten. Sie kann als Übergangslösung für kranke Tiere, zur Aufzucht von Jungtieren oder in Kombination mit einer sommerlichen Freilandhaltung sinnvoll sein. Das Aquaterrarium sollte großzügig dimensioniert sein und folgende Anforderungen erfüllen:

Die Beckengröße sollte für ein einzelnes adultes Tier mindestens 150 × 60 × 50 Zentimeter (Länge × Breite × Höhe) betragen, wobei größere Becken* stets vorzuziehen sind. Als Faustregel gilt: Die Beckenlänge sollte mindestens das Fünffache der Panzerlänge des größten Tieres betragen. Der Wasserstand sollte so gewählt werden, dass die Schildkröte bequem schwimmen kann, in der Regel mindestens die doppelte Panzerbreite.

Die Wassertemperatur sollte im Sommer zwischen 22 und 26°C liegen und im Frühjahr und Herbst etwas kühler gehalten werden, um den natürlichen Jahresrhythmus nachzuempfinden. Ein leistungsstarker Außenfilter ist für die Aufrechterhaltung der Wasserqualität unerlässlich, da Schildkröten erhebliche Mengen an Stoffwechselprodukten ausscheiden. Regelmäßige Teilwasserwechsel von etwa 30 Prozent pro Woche ergänzen die Filterung.

Die Beleuchtung spielt eine zentrale Rolle für die Gesundheit der Tiere. Ein hochwertiger UVB-Strahler* mit einem UVB-Anteil von mindestens 5 Prozent ist unverzichtbar für die Vitamin-D3-Synthese und damit für den Kalziumstoffwechsel. Ein separater Wärmespot über dem Sonnenplatz sollte eine lokale Temperatur von 35 bis 40°C erzeugen. Die tägliche Beleuchtungsdauer orientiert sich am natürlichen Jahresverlauf und variiert zwischen 8 Stunden im Winter und 14 Stunden im Hochsommer.

Ein trockener Landteil mit Klettermöglichkeiten und einem erhöhten Sonnenplatz ist obligatorisch. Dieser kann aus Korkrinde, Schieferplatten oder speziellen Schildkröteninseln bestehen und muss einen einfachen Ausstieg aus dem Wasser ermöglichen.

Winterruhe

Die Winterstarre ist für die langfristige Gesundheit und das Wohlbefinden der Europäischen Sumpfschildkröte essentiell und sollte auch bei der Innenhaltung ermöglicht werden. Sie reguliert den Hormonhaushalt, fördert die Fruchtbarkeit und entspricht dem natürlichen Lebensrhythmus der Art. Ein dauerhafter Verzicht auf die Hibernation kann zu Stoffwechselstörungen, verminderter Lebenserwartung und Fortpflanzungsproblemen führen.

Für die Einleitung der Winterruhe werden ab Oktober die Temperaturen und die Beleuchtungsdauer schrittweise über zwei bis drei Wochen reduziert. Die Fütterung wird eingestellt, sobald die Wassertemperatur unter 15°C sinkt, damit der Verdauungstrakt vollständig entleert wird. Die eigentliche Überwinterung erfolgt bei Temperaturen zwischen 4 und 6°C in einem dunklen, frostfreien Raum – beispielsweise in einem Kühlschrank, einem ungeheizten Keller oder einem Frühbeetkasten.

Als Überwinterungssubstrat eignet sich feuchtes Laub, Moos oder leicht feuchte Erde. Die Tiere sollten während der Winterruhe regelmäßig kontrolliert werden, ohne sie dabei zu stören. Die Hibernation dauert in der Regel drei bis vier Monate und endet im März oder April mit einer langsamen Erwärmung.

Bei der Freilandüberwinterung im Gartenteich ist darauf zu achten, dass der Teich eine ausreichende Tiefe von mindestens 80 bis 100 Zentimetern aufweist und nicht vollständig durchfrieren kann. Eine Eisfreihalterung oder ein Teichbelüfter kann sinnvoll sein, um den Gasaustausch zu gewährleisten.

Video: Europäische Sumpfschildkröte – unsere heimische Schildkröte


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Ernährung in der Haltung

Die Europäische Sumpfschildkröte ernährt sich wie beschrieben omnivor mit carnivor Tendenz. Der Speiseplan in menschlicher Obhut sollte abwechslungsreich gestaltet werden und die natürliche Ernährungsweise möglichst gut nachahmen:

Tierische Kost sollte etwa 70 Prozent der Nahrung ausmachen und kann folgende Komponenten umfassen: Regenwürmer, Nacktschnecken und Wasserschnecken (aus pestizidfreien Quellen), Wasserinsekten und deren Larven, Bachflohkrebse, Süßwassergarnelen, Muschelfleisch, kleine Süßwasserfische wie Stinte, Moderlieschen oder Guppys sowie gelegentlich mageres Rinderherz oder Hühnerleber. Auch Eintagsküken oder Mäuse können in Maßen verfüttert werden.

Pflanzliche Kost ergänzt den Speiseplan mit einem Anteil von etwa 30 Prozent: Wasserpflanzen wie Wasserlinsen, Wasserpest und Hornblatt, Löwenzahnblätter und -blüten, Klee, Brennnesselblätter, geriebene Karotten, Zucchini sowie gelegentlich überreifes Obst wie Erdbeeren oder Bananen.

Ergänzungen wie Kalzium-Präparate (Sepiaschale, Eierschalen oder Kalziumpulver) sollten regelmäßig angeboten werden, um eine ausreichende Versorgung für den Panzeraufbau sicherzustellen. 

Jungtiere benötigen tägliche Fütterung und ernähren sich in den ersten Lebensjahren überwiegend carnivor, da sie für ihr Wachstum viel Protein benötigen. Adulte Exemplare werden nur zwei- bis dreimal wöchentlich gefüttert, um einer Verfettung vorzubeugen. Die Futtermenge sollte so bemessen sein, dass sie innerhalb weniger Minuten gefressen wird.

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Vergesellschaftung und Sozialverhalten

Die Europäische Sumpfschildkröte kann in Gruppen gehalten werden, wobei auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu achten ist. Idealerweise werden mehr Weibchen als Männchen gehalten, etwa im Verhältnis 1:2 oder 1:3. Mehrere Männchen in einem Gehege können zu erheblichen Rivalitäten und Stressbelastungen führen, insbesondere während der Paarungszeit. Weibchen können durch übermäßige Paarungsversuche der Männchen erschöpft oder verletzt werden.

Ausreichend Platz, Versteckmöglichkeiten und mehrere Sonnenplätze reduzieren Konkurrenz und ermöglichen es unterlegenen Tieren, Konflikten auszuweichen. Bei Anzeichen von Stress oder Aggression sollte eine räumliche Trennung erfolgen.

Eine Vergesellschaftung mit anderen Schildkrötenarten ist grundsätzlich nicht empfehlenswert und sollte vermieden werden. Unterschiedliche Haltungsansprüche, Krankheitsübertragungen und Verhaltensunterschiede können zu Problemen führen. Insbesondere die Vergesellschaftung mit nordamerikanischen Schmuckschildkröten, die oft robuster und durchsetzungsstärker sind, kann für die Europäische Sumpfschildkröte nachteilig sein.


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Gesundheit und Lebenserwartung

Bei artgerechter Haltung und guter Pflege beträgt die Lebenserwartung 50 bis 80 Jahre, in Einzelfällen sogar über 100 Jahre. Diese außerordentliche Langlebigkeit ist ein Umstand, der bei der Anschaffung unbedingt bedacht werden sollte – die Entscheidung für eine Sumpfschildkröte ist eine Entscheidung für mehrere Jahrzehnte und möglicherweise für das gesamte Leben.

Häufige Gesundheitsprobleme in der Haltung umfassen Panzererweichung durch Kalzium- oder UVB-Mangel, Atemwegsinfektionen durch zu kalte Haltung oder Zugluft, Parasitenbefall und Verletzungen durch unsachgemäße Einrichtung oder Gruppenhaltung. Ein reptilienkundiger Tierarzt sollte für regelmäßige Kontrolluntersuchungen und im Krankheitsfall konsultiert werden.

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)

Schutzstatus und Gefährdung

Die Europäische Sumpfschildkröte gehört in Mitteleuropa zu den am stärksten gefährdeten Reptilienarten und genießt höchsten Schutzstatus auf nationaler wie internationaler Ebene. Die rechtlichen Schutzbestimmungen umfassen mehrere Ebenen:

Auf europäischer Ebene ist die Art in Anhang II und IV der FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie 92/43/EWG) der Europäischen Union gelistet. Anhang II verpflichtet die Mitgliedstaaten zur Ausweisung von Schutzgebieten, während Anhang IV einen strengen Artenschutz vorschreibt, der das Fangen, Töten, Stören und den Handel verbietet. Die Berner Konvention zum Schutz europäischer wildlebender Pflanzen und Tiere führt sie in Anhang II als streng geschützte Art.

International unterliegt die Europäische Sumpfschildkröte dem **Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES)** und ist in Anhang II gelistet, was den internationalen Handel reguliert und Herkunftsnachweise erforderlich macht.

In Deutschland wird sie in der Roten Liste in der Kategorie 1 – „Vom Aussterben bedroht“ – geführt und ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. In Österreich und der Schweiz gelten vergleichbare Schutzbestimmungen.

Gefährdungsursachen

Die dramatische Bestandssituation ist das Ergebnis vielfältiger, oft synergistisch wirkender Gefährdungsfaktoren, die über Jahrhunderte auf die Art eingewirkt haben:

Die Zerstörung und Fragmentierung von Feuchtgebieten stellt historisch wie aktuell die gravierendste Bedrohung dar. Großflächige Entwässerungen für die landwirtschaftliche Nutzung, Flussbegradigungen, die Verfüllung von Kleingewässern und die Trockenlegung von Mooren haben den Lebensraum der Sumpfschildkröte in Mitteleuropa auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Ausdehnung reduziert.

Die intensive Landwirtschaft in Gewässernähe führt zu Nährstoffeinträgen, Pestizidbelastungen und der Zerstörung von Eiablageplätzen. Moderne Bearbeitungsmethoden und frühe Mahdzeitpunkte gefährden zudem Weibchen während ihrer Wanderungen zu den Nistplätzen.

Der Straßenverkehr fordert einen erheblichen Tribut, insbesondere unter den Weibchen, die auf dem Weg zu ihren Eiablageplätzen Straßen überqueren müssen. Da die Tiere langsam sind und bei Gefahr oft verharren statt zu fliehen, werden sie häufig überfahren. Der Verlust reproduktiver Weibchen wiegt für kleine Populationen besonders schwer.

Die Prädation durch eingeschleppte Arten wie den Waschbären (Procyon lotor) sowie heimische Prädatoren wie Füchse, Marder, Wildschweine und Rabenvögel dezimiert insbesondere Gelege und Jungtiere. Waschbären haben sich als besonders effiziente Nesträuber erwiesen und können ganze Jahrgänge vernichten.

Die Konkurrenz durch ausgesetzte nordamerikanische Schmuckschildkröten (Trachemys scripta und verwandte Arten) stellt ein zunehmendes Problem dar. Diese Tiere werden häufig von überforderten Haltern in die Natur entlassen, wo sie mit der heimischen Art um Nahrung, Sonnenplätze und möglicherweise auch Lebensraum konkurrieren. Schmuckschildkröten sind oft größer, aggressiver und vermehrungsfreudiger als die Europäische Sumpfschildkröte.

Der Klimawandel wirkt sich ambivalent aus: Einerseits könnten wärmere Temperaturen die Reproduktionsbedingungen verbessern, andererseits führen zunehmende Trockenperioden zum Austrocknen von Gewässern und Eiablageplätzen. Extremwetterereignisse wie Starkregen können Gelege zerstören, während milde Winter zu einem vorzeitigen Erwachen aus der Winterstarre führen können.

Historisch spielte auch die direkte Verfolgung eine bedeutende Rolle. Sumpfschildkröten wurden jahrhundertelang als Fastenspeise gefangen und verzehrt, da sie kirchenrechtlich nicht als Fleisch galten. Auch für medizinische Zwecke und als Kuriosität wurden sie in großer Zahl gesammelt.

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Schutzprojekte in Deutschland

Um die einzige heimische Schildkrötenart Deutschlands vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren, wurden in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene ambitionierte Schutz- und Wiederansiedlungsprojekte ins Leben gerufen. Diese Initiativen kombinieren Habitatschutz, gezielte Nachzucht und wissenschaftlich begleitete Auswilderungen.

Das AGENA-Projekt in Brandenburg

Zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Initiativen gehört das Schutzprojekt der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Artenschutz (AGENA e.V.) mit Sitz in Linum bei Fehrbellin im brandenburgischen Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Dieser engagierte Verein widmet sich seit vielen Jahren der Erhaltung und Wiederansiedlung der Europäischen Sumpfschildkröte in ihrem ursprünglichen Lebensraum und hat sich zu einem Kompetenzzentrum für den Schutz dieser Art entwickelt.

In eigens eingerichteten Zucht- und Freilandanlagen werden Jungtiere unter naturnahen Bedingungen aufgezogen und behutsam auf ihre spätere Auswilderung vorbereitet. Die Aufzucht erfolgt in mehreren Phasen: Nach dem Schlupf verbringen die Jungtiere zunächst einige Zeit in geschützten Aufzuchtbecken, bevor sie in größere Außenanlagen umgesetzt werden, wo sie natürliche Verhaltensweisen entwickeln können.

Das Jahr 2024 markierte dabei einen bemerkenswerten Meilenstein: Insgesamt 222 Jungtiere aus 41 Gelegen schlüpften erfolgreich – ein neuer Rekordwert, der die Wirksamkeit der angewandten Methoden eindrucksvoll unter Beweis stellt und Hoffnung für die Zukunft der Art weckt.

Zwischen 2021 und 2023 konnten bereits 80 zweijährige Schildkröten in geeigneten Habitaten ausgewildert werden. Vor jeder Freilassung werden die Tiere sorgfältig vermessen, fotografiert und in einer umfassenden Datenbank erfasst. Diese akribische Dokumentation ermöglicht eine langfristige Nachverfolgung der Individuen mittels Wiederfang und liefert wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse über Überlebensraten, Wanderverhalten, Habitatnutzung und letztlich den Fortpflanzungserfolg der wiederangesiedelten Populationen.

Die Heinz Sielmann Stiftung unterstützt dieses wichtige Vorhaben seit vielen Jahren finanziell und ideell. Für die Projektlaufzeit von 2020 bis Februar 2025 stellte sie eine Förderung in Höhe von 51.110 Euro bereit – ein essentieller Beitrag, ohne den viele Maßnahmen nicht realisierbar wären. Die Stiftung engagiert sich auch in der Öffentlichkeitsarbeit und macht auf die Bedeutung des Schildkrötenschutzes aufmerksam.

Monitoring und Nestschutz

Ein unverzichtbarer Bestandteil aller Schutzprojekte ist das intensive Monitoring der Bestände und Lebensräume. Dieses umfasst regelmäßige Begehungen der Projektgebiete, systematische Kontrollen potenzieller Eiablageplätze, die Dokumentation von Sichtungen sowie die sorgfältige Erfassung reproduzierender Weibchen.

Im Jahr 2024 gelang es den engagierten Projektmitarbeitern, 13 Eiablagen zu lokalisieren und 10 Nester erfolgreich vor Prädatoren zu sichern. Der Nestschutz erfolgt durch die Installation von engmaschigen Drahtgittern oder speziellen Schutzkörben über den Gelegen, die das Ausgraben durch Waschbären, Füchse oder Wildschweine verhindern, den schlüpfenden Jungtieren aber das Verlassen des Nestes ermöglichen.

Der strategische Einsatz von Wildkameras an wichtigen Standorten liefert zusätzliche Daten über das Verhalten der Schildkröten, ihre Aktivitätsmuster und die Präsenz potenzieller Fressfeinde. In den Projektgebieten wurden dabei etwa 30 verschiedene Tierarten dokumentiert, was gleichzeitig wertvolle Erkenntnisse über das gesamte Ökosystem und die Lebensgemeinschaften der Feuchtgebiete liefert.

Die Telemetrie mittels kleiner Sender, die auf dem Panzer befestigt werden, ermöglicht die Verfolgung einzelner Tiere und liefert detaillierte Informationen über Wanderbewegungen, Habitatpräferenzen und Überwinterungsplätze. Diese Daten sind für die Optimierung von Schutzmaßnahmen und die Auswahl geeigneter Auswilderungsgebiete von unschätzbarem Wert.

Europäische Sumpfschildkröte auf dem Land

EMYS-R – Wissenschaftliche Begleitung der Wiederansiedlung

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt EMYS-R widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung und Optimierung von Wiederansiedlungsmaßnahmen auf nationaler Ebene. Wissenschaftler verschiedener Universitäten und Forschungsinstitutionen untersuchen dabei vergleichend mehrere Wiederansiedlungsprojekte in Deutschland, um Best-Practice-Methoden zu identifizieren und künftige Vorhaben noch erfolgreicher gestalten zu können.

Im Fokus stehen Fragen wie: Welche Habitateigenschaften begünstigen den Erfolg von Wiederansiedlungen? In welchem Alter sollten die Tiere ausgewildert werden? Wie groß muss eine Gründerpopulation sein, um langfristig überlebensfähig zu sein? Welche genetischen Aspekte sind zu berücksichtigen? Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts werden in praktische Handlungsempfehlungen überführt und stehen allen Akteuren im Schildkrötenschutz zur Verfügung.

Schutzmaßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern

Auch im Naturpark Feldberger Seenlandschaft an der Grenze zu Brandenburg engagieren sich Naturschützer für die bedrohte Art. Die gewässerreiche Landschaft bietet noch geeignete Lebensräume, in denen Restpopulationen existieren oder Wiederansiedlungen erfolgversprechend erscheinen.

Das Müritzeum in Waren an der Müritz, eines der größten Naturerlebniszentren Deutschlands, informiert die Öffentlichkeit über die Biologie der Europäischen Sumpfschildkröte und die laufenden Wiederansiedlungsbemühungen. In eigenen Aquarien können Besucher die faszinierenden Tiere aus nächster Nähe beobachten und für den Artenschutz sensibilisiert werden. Die Umweltbildung spielt eine zentrale Rolle, denn langfristiger Schutz ist nur mit der Unterstützung und dem Verständnis der lokalen Bevölkerung möglich.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Zoos, Naturschutzbehörden, wissenschaftlichen Institutionen und ehrenamtlichen Initiativen bildet das Rückgrat der Schutzbemühungen. Zoologische Gärten wie der Tierpark Berlin oder der Zoo Rostock beteiligen sich an Erhaltungszuchtprogrammen und stellen Nachzuchttiere für Auswilderungsprojekte zur Verfügung.

Weitere Projektstandorte

Neben Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern existieren weitere Schutz- und Wiederansiedlungsprojekte in anderen Bundesländern. In Hessen bemüht man sich um die Erhaltung und Stärkung der Populationen in der Rheinaue. In Nordrhein-Westfalen wurden Wiederansiedlungsversuche unternommen, deren langfristiger Erfolg noch evaluiert wird. Auch in Bayern gibt es Bestrebungen, die Art in geeigneten Habitaten wieder zu etablieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) koordiniert über ihre Arbeitsgruppen den wissenschaftlichen Austausch zwischen den verschiedenen Projekten und unterstützt die Vernetzung der Akteure. Die DGHT kürte die Europäische Sumpfschildkröte im Jahr 2015 zum „Reptil des Jahres“, um auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen und das öffentliche Bewusstsein zu schärfen.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz aller Erfolge und des großen Engagements stehen die Schutzprojekte vor erheblichen Herausforderungen. Der Klimawandel mit seinen zunehmenden Trockenperioden und Extremwetterereignissen führt zu sinkenden Wasserständen und dem zeitweisen oder dauerhaften Austrocknen wichtiger Wohngewässer. In einigen Projektgebieten sind bereits ganze Populationen zusammengebrochen, weil ihre Lebensräume verschwanden oder ungeeignet wurden.

Die Finanzierung der langfristig angelegten Projekte stellt eine permanente Herausforderung dar. Artenschutz erfordert Kontinuität über Jahrzehnte, während Fördermittel meist nur für begrenzte Projektzeiträume zur Verfügung stehen. Die Abhängigkeit von Drittmitteln und Spenden macht die Planung schwierig und erfordert einen erheblichen administrativen Aufwand.

Der Waschbär hat sich als besonders problematischer Nesträuber erwiesen, dessen Populationen in Deutschland exponentiell wachsen. Die Bekämpfung dieses invasiven Prädators ist aufwendig und ethisch umstritten, doch ohne effektive Maßnahmen zur Reduktion des Prädationsdrucks bleiben viele Schutzbemühungen erfolglos.

Dennoch stimmen die bisherigen Erfolge vorsichtig optimistisch. Die steigende Anzahl der im Freiland lokalisierten Gelege deutet darauf hin, dass sich ausgewilderte Tiere erfolgreich etablieren und reproduzieren. Einzelne Populationen zeigen positive Bestandsentwicklungen, und das Netzwerk aus Schutzprojekten und engagierten Akteuren wächst stetig.

Sumpfschildkröte in einen naturnahen Teich

Aktiv werden für die Sumpfschildkröte

Interessierte Bürgerinnen und Bürger können sich auf verschiedene Weise für den Schutz dieser faszinierenden Art einsetzen:

Das Melden von Sichtungen an die zuständigen Naturschutzbehörden oder herpetologische Fachgesellschaften liefert wertvolle Daten über die Verbreitung und hilft, bisher unbekannte Vorkommen zu entdecken. Dabei ist jedoch zu beachten, dass auch ausgesetzte Schmuckschildkröten korrekt identifiziert werden sollten.

Spenden an Naturschutzorganisationen, die Schutzprojekte durchführen, ermöglichen die Fortsetzung der wichtigen Arbeit. Viele Projekte sind auf private Unterstützung angewiesen und freuen sich über jeden Beitrag.

Der Verzicht auf die Freisetzung von nicht-heimischen Schildkrötenarten in die Natur ist ein wichtiger Beitrag zum Schutz der heimischen Art. Wer seine Schmuckschildkröte nicht mehr halten kann, sollte sie an Auffangstationen oder Reptilienhäuser abgeben, nicht aber in der freien Natur aussetzen.

Ehrenamtliches Engagement in lokalen Naturschutzgruppen oder direkt bei den Schutzprojekten bietet die Möglichkeit, aktiv mitzuwirken – sei es bei Monitoringaktionen, Habitatpflegemaßnahmen oder der Öffentlichkeitsarbeit.

Die Aufklärung im eigenen Umfeld über die Bedeutung des Artenschutzes und die Besonderheiten der Europäischen Sumpfschildkröte trägt dazu bei, das Bewusstsein für diese oft übersehene Tiergruppe zu schärfen.

Langfristige Perspektiven

Die Kombination aus Habitatschutz, gezielter Nachzucht, kontrollierter Wiederansiedlung und wissenschaftlicher Begleitung bietet die beste Chance, diese einzigartige Art für kommende Generationen zu bewahren. Der Erfolg hängt jedoch von vielen Faktoren ab, die teils außerhalb der direkten Einflussmöglichkeiten der Artenschützer liegen.

Die Renaturierung von Feuchtgebieten und die Wiederherstellung natürlicher Gewässerdynamiken sind langfristig von entscheidender Bedeutung. Nur wenn ausreichend geeignete Lebensräume zur Verfügung stehen, können sich stabile, selbsttragende Populationen entwickeln.

Die enge Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Naturschutzverbänden und ehrenamtlichen Helfern ist dabei der Schlüssel zum Erfolg. Nur durch gebündelte Kräfte und koordiniertes Handeln kann die Europäische Sumpfschildkröte dauerhaft in der deutschen Fauna erhalten werden.

Fazit

Die Europäische Sumpfschildkröte verkörpert ein kostbares Naturerbe, dessen Wurzeln bis in die Zeit der Dinosaurier zurückreichen. Als einzige in Mitteleuropa ursprünglich heimische Schildkrötenart besitzt sie einen unschätzbaren Wert für die biologische Vielfalt und das kulturelle Erbe unserer Region. Ihr Schicksal ist untrennbar mit dem Zustand unserer Feuchtgebiete verbunden – schützen wir die Sumpfschildkröte, schützen wir zugleich einen ganzen Lebensraum mit unzähligen weiteren Arten.

Die engagierten Schutzbemühungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass eine Rettung dieser faszinierenden Art möglich ist, wenn Wissenschaft, Naturschutz und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Die steigenden Nachzuchtzahlen und erfolgreichen Wiederansiedlungen stimmen hoffnungsvoll, doch der Weg zu stabilen, selbsterhaltenden Populationen ist noch weit.

Jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten – sei es durch bewusstes Handeln im Alltag, die Unterstützung von Naturschutzprojekten oder einfach durch das Teilen des Wissens über diese bemerkenswerte Art. Die Europäische Sumpfschildkröte hat die Eiszeiten überdauert; mit unserem Engagement kann sie auch die Herausforderungen der Gegenwart meistern und künftigen Generationen als lebendiges Zeugnis einer jahrmillionenalten Evolutionsgeschichte erhalten bleiben.

 

Quellen

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