Europäische Landschildkröten als Aasfresser – Ein ganz natürliches Verhalten

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Breitrandschildkröte (Testudo marginata) in Griechenland

Hand aufs Herz: Hast du deine Griechische Landschildkröte schon mal dabei erwischt, wie sie genüsslich an einem toten Käfer, einer Schnecke oder sogar an einem Vogelkadaver geknabbert hat? Falls ja, warst du vermutlich ziemlich irritiert. Schließlich gelten europäische Landschildkröten als Pflanzenfresser. Wildkräuter und ab zu zu mal Blüten als Leckerli – das kennen wir. Aber Aas? Das passt so gar nicht ins Bild der gemütlichen Vegetarierin. Doch keine Sorge: Wenn deine Schildkröte gelegentlich tierische Kost zu sich nimmt, ist das völlig normal. In diesem Artikel erfährst du, warum europäische Landschildkröten manchmal Aas fressen, was dahintersteckt und worauf du als Halter achten solltest.

Pflanzenfresser mit Ausnahmen

Europäische Landschildkröten wie die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni), die Maurische Landschildkröte (Testudo graeca) oder die Breitrandschildkröte (Testudo marginata) werden in der Fachliteratur als herbivor bezeichnet – also als Pflanzenfresser. Und das stimmt auch grundsätzlich. Der Großteil ihrer Nahrung besteht aus Wildkräutern, Gräsern, Blättern und Blüten. Ihr Verdauungssystem ist perfekt auf diese ballaststoffreiche, proteinarme Kost abgestimmt.


Aber die Natur ist selten schwarz-weiß. Wissenschaftlich betrachtet sind europäische Landschildkröten eher opportunistische Herbivoren. Das bedeutet: Sie fressen hauptsächlich Pflanzen, verschmähen aber gelegentlich auch andere Nahrungsquellen nicht, wenn sich die Gelegenheit bietet. Und dazu gehört eben auch Aas.


Dieses Verhalten wurde sowohl in freier Wildbahn als auch bei Schildkröten in menschlicher Obhut beobachtet und dokumentiert. Es ist also kein Zeichen von Fehlernährung oder Verhaltensstörung, sondern ein ganz natürlicher Teil ihres Nahrungsspektrums.

Griechische Landschildkröte beim Fressen einer Schlange in ihrem natürlichen Habitat.
Foto zur Verfügung gestellt von Elias

Warum fressen Landschildkröten überhaupt Aas?

Jetzt wird es spannend. Warum sollte ein Tier, das eigentlich auf Pflanzen spezialisiert ist, plötzlich an einem Kadaver knabbern? Die Antwort liegt in der Evolution und im natürlichen Lebensraum dieser Tiere.


Im Mittelmeerraum, der Heimat europäischer Landschildkröten, herrschen im Sommer oft extreme Bedingungen. Die Vegetation vertrocknet, Wildkräuter werden rar und nährstoffarm. In solchen Mangelsituationen ist es für ein Tier überlebenswichtig, flexibel zu sein. Wer dann zufällig auf einen toten Käfer, eine verendete Eidechse oder Vogelreste stößt, hat eine wertvolle Zusatzquelle für Proteine und Mineralien gefunden.


Besonders Kalzium ist für Schildkröten essenziell – für den Panzeraufbau, die Knochengesundheit und bei Weibchen für die Eierschalenbildung. Knochen und Schneckenhäuser sind hervorragende Kalziumlieferanten. Es ist also durchaus clever, wenn eine Schildkröte diese Gelegenheit nutzt.


Auch der Proteinbedarf spielt eine Rolle. Zwar benötigen adulte Landschildkröten nur wenig Eiweiß, aber in bestimmten Lebensphasen steigt der Bedarf. Trächtige Weibchen, Jungtiere im Wachstum oder Schildkröten nach der Winterstarre können von einer kleinen Extra-Portion Protein profitieren. Die Natur hat hier einen cleveren Mechanismus eingebaut: Die Tiere nehmen instinktiv das auf, was ihr Körper gerade braucht.

Europäische Landschildkröten als Aasfresser - Griechische Landschildkröte (testudo hermanni boettgerie) in Griechenland
Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni boettgerie) in Griechenland

Was landet auf dem Speiseplan?

Wenn wir von Aas sprechen, klingt das erstmal dramatisch. In der Realität sind es meist eher kleine Happen, die europäische Landschildkröten gelegentlich zu sich nehmen. Hier ein Überblick, was in freier Wildbahn und im Gehege beobachtet wurde:


Tote Insekten und Käfer stehen ganz oben auf der Liste. Ein verendeter Käfer im Gehege wird von vielen Schildkröten interessiert beschnuppert und nicht selten gefressen. Die chitinhaltige Hülle liefert Ballaststoffe, das Innere Protein. Schnecken und Würmer werden ebenfalls gerne genommen – ob tot oder lebendig. Besonders nach Regenfällen, wenn Schnecken und Regenwürmer aktiv sind, kann man dieses Verhalten häufiger beobachten. Schneckenhäuser sind zudem eine natürliche Kalziumquelle. Vogelkadaver oder Kleinsäuger sind seltener, kommen aber vor. In der Wildnis wurden Landschildkröten dabei beobachtet, wie sie an verendeten Vögeln oder Mäusen fraßen. Im Gehege passiert das eher selten, aber wenn ein toter Vogel ins Freigehege fällt, kann es durchaus sein, dass deine Schildkröte Interesse zeigt. Kot anderer Tiere gehört streng genommen nicht zum Aas, wird aber ebenfalls gelegentlich aufgenommen. Das klingt eklig, ist aber ein natürliches Verhalten. Kot enthält unverdaute Nährstoffe und Bakterien, die für die Darmflora nützlich sein können.


Gefährlich kann es werden, wenn eine Nacktschnecke zu langsam ist und von der Schildkröte gefressen wird. Der zähe Schleim der Schnecke kann die Atemwege der Schildkröte verkleben und zu Atemnot führen. In einem solchen Fall sollte man zunächst versuchen, die Schnecke vorsichtig aus dem Maul zu entfernen.


Als weitere Sofortmaßnahme hat sich das Anbieten eines Stücks Tomate bewährt – die enthaltene Säure hilft dabei, den Schleim aufzulösen. Alternativ kann auch lauwarmes Wasser oder abgekühlter schwarzer Tee vorsichtig ins Maul geträufelt werden, um den Schleim zu lösen.
Um solche Situationen von vornherein zu vermeiden, empfiehlt es sich, bei einem erhöhten Nacktschneckenaufkommen im Gehege rechtzeitig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

Wann tritt dieses Verhalten besonders auf?

Nicht jede Schildkröte frisst regelmäßig Aas, und nicht zu jeder Jahreszeit ist das Verhalten gleich ausgeprägt. Es gibt bestimmte Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeit höher ist:


Nach der Winterstarre sind die Energiereserven aufgebraucht. Die Schildkröten sind hungrig und weniger wählerisch. In dieser Phase nehmen sie eher auch mal tierische Kost zu sich, um schnell wieder zu Kräften zu kommen. Bei trächtigen Weibchen steigt der Bedarf an Kalzium und Proteinen enorm. Die Eierschalenbildung kostet den Körper viel Substanz. Kein Wunder, dass Weibchen in dieser Zeit gelegentlich zu Schnecken oder Aas greifen. In Trockenperioden, wenn die Vegetation karg ist, werden Schildkröten flexibler in ihrer Nahrungswahl. Was verfügbar ist, wird genutzt – ein klassisches Überlebensverhalten. Bei Jungtieren ist das Verhalten ebenfalls häufiger zu beobachten. Junge Schildkröten haben einen höheren Proteinbedarf als adulte Tiere, da sie sich noch im Wachstum befinden.

Europäische Landschildkröten als Aasfresser - Maurische Landschildkröte (Testudo graeca nabeulensis) auf Sardinien
Maurische Landschildkröte (Testudo graeca nabeulensis) auf Sardinien

Ist das Aasfressen gefährlich?

Jetzt kommt die wichtige Frage: Musst du dir Sorgen machen, wenn deine Schildkröte mal einen Regenwurm oder einen toten Käfer frisst? Die kurze Antwort: Nein, in der Regel nicht.


Gelegentliches Aasfressen ist ein natürliches Verhalten und schadet einer gesunden Schildkröte nicht. Der Verdauungstrakt kann kleine Mengen tierischer Kost problemlos verarbeiten. In der Natur gehört das zum normalen Nahrungsspektrum dazu.


Problematisch wird es erst, wenn tierisches Protein regelmäßig und in größeren Mengen aufgenommen wird. Der Stoffwechsel europäischer Landschildkröten ist nicht auf eine proteinreiche Ernährung ausgelegt. Zu viel Eiweiß führt langfristig zu ernsthaften Gesundheitsproblemen. Die Nieren werden überlastet, Harnsäure kann sich im Körper anreichern und es droht Gicht. Auch das typische Höckerwachstum des Panzers, das viele aus schlechter Haltung kennen, wird durch zu viel Protein begünstigt.


Die Dosis macht also das Gift. Ein Regenwurm hier und da? Kein Problem. Regelmäßige Fleischfütterung? Absolut tabu.

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Was bedeutet das für die Haltung?

Als verantwortungsvoller Halter solltest du dieses Wissen in deine Pflege einfließen lassen. Hier ein paar praktische Tipps:

Nicht aktiv füttern: Auch wenn Aasfressen natürlich ist, solltest du deinen Schildkröten niemals gezielt Fleisch, Katzenfutter oder andere tierische Produkte anbieten. Das führt zu einer unnatürlich hohen Proteinzufuhr und schadet langfristig.
Gelassen bleiben: Wenn du beobachtest, dass deine Schildkröte einen Käfer oder eine Schnecke frisst, ist das kein Grund zur Panik. Lass sie einfach machen. Die Natur weiß, was sie tut.
Gehege naturnah gestalten: In einem naturnahen Freigehege mit vielfältiger Bepflanzung finden Schildkröten automatisch ein breites Nahrungsspektrum vor – inklusive der gelegentlichen Schnecke oder des toten Insekts. Das ist artgerechter als ein steriles Gehege ohne jede Abwechslung.
Kalzium separat anbieten: Damit deine Schildkröte nicht aus Mangel verstärkt zu Aas greift, sollte immer eine Sepiaschale oder zerstoßene Eierschale im Gehege verfügbar sein. So kann sie ihren Kalziumbedarf jederzeit decken.
Beobachten statt eingreifen: Wenn das Aasfressen plötzlich stark zunimmt, könnte das ein Hinweis auf einen Nährstoffmangel sein. Überprüfe dann die Futterzusammensetzung und biete mehr kalziumreiche Wildkräuter an.

Ein Blick in die Wissenschaft

Interessanterweise wurde das Aasfressen bei europäischen Landschildkröten lange Zeit kaum thematisiert. In älteren Haltungsratgebern findet man oft die pauschale Aussage, Landschildkröten seien reine Pflanzenfresser. Erst neuere Beobachtungen und Studien haben gezeigt, dass das Bild differenzierter ist.


Feldforschungen im Mittelmeerraum dokumentierten, dass wildlebende Griechische Landschildkröten durchaus tierische Nahrung aufnehmen, wenn sie verfügbar ist. Das Spektrum reicht von Insekten über Schnecken bis hin zu Aas größerer Tiere. Auch in Kotanalysen wurden regelmäßig Reste tierischer Herkunft nachgewiesen – ein klarer Beleg dafür, dass dieses Verhalten keine Ausnahme, sondern Teil des natürlichen Nahrungsverhaltens ist.


Das bedeutet nicht, dass wir unsere Schildkröten jetzt mit Fleisch füttern sollten. Es zeigt aber, dass wir ihre Ernährung nicht zu dogmatisch betrachten müssen. Ein gelegentlicher Regenwurm im Gehege ist kein Drama, sondern ein Stück Natur.

Fazit: Natur pur im Schildkrötengehege

Europäische Landschildkröten sind faszinierende Tiere mit einem erstaunlich flexiblen Nahrungsverhalten. Dass sie gelegentlich Aas fressen, mag auf den ersten Blick überraschen, ist aber ein völlig natürliches und sinnvolles Verhalten. Es hilft ihnen, in kargen Zeiten zu überleben und ihren Nährstoffbedarf zu decken.


Für dich als Halter bedeutet das vor allem eines: Entspannt bleiben. Wenn deine Schildkröte mal einen Käfer schnappt oder an einer Schnecke knabbert, ist das kein Zeichen für falsche Haltung oder Mangelernährung. Es ist ein kleines Stück Wildnis mitten in deinem Garten. Und genau das macht die Haltung europäischer Landschildkröten so spannend. 


Solange die Basis stimmt – also eine abwechslungsreiche Ernährung aus Wildkräutern, ausreichend Kalzium und ein naturnahes Gehege – kannst du deine Schildkröte bedenkenlos ihr natürliches Verhalten ausleben lassen. Auch wenn das manchmal bedeutet, dass sie sich über einen toten Regenwurm hermacht.

Europäische Landschildkröten als Aasfresser - Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni hermanni) auf Mallorca
Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni hermanni) auf Mallorca

Quellen:

  • Hailey, A. (2000): The effects of fire and mechanical habitat destruction on survival of the tortoise Testudo hermanni in northern Greece. Biological Conservation, 92(3), 321-333. – Feldstudien zum Nahrungsverhalten wildlebender Populationen.
  • Meek, R. & Jayes, A.S. (1982): Body temperatures and activity patterns of Testudo hermanni. British Journal of Herpetology, 6, 194-199. – Untersuchungen zum Aktivitätsmuster und Nahrungsaufnahme.
  • Del Vecchio, S. et al. (2011): Diet and food selection of the Hermann’s tortoise in coastal dunes. Amphibia-Reptilia, 32(3), 389-396. – Analyse des Nahrungsspektrums inklusive tierischer Anteile.
  • Dennert, C. (2021)*: Ernährung von Landschildkröten. Natur und Tier-Verlag, Münster. – Standardwerk zur Ernährung europäischer Landschildkröten mit detaillierten Informationen zum natürlichen Nahrungsspektrum.

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