Koprophagie bei Europäischen Landschildkröten – Warum Schildkröten Kot fressen und wann es bedenklich ist

| |
Koprophagie bei Europäischen Landschildkröten

Wer zum ersten Mal beobachtet, wie die eigene Landschildkröte genüsslich am Kot eines Artgenossen knabbert, reagiert meist mit einer Mischung aus Ekel und Sorge. Verständlich! Doch bevor du in Panik verfällst: Koprophagie – so der Fachbegriff für das Kotfressen – ist bei Europäischen Landschildkröten ein durchaus verbreitetes Verhalten. Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen sogar, dass dieses Verhalten einen echten biologischen Nutzen hat. In diesem Artikel erfährst du, warum deine Schildkröte das tut, was die Forschung dazu sagt und wann du eingreifen solltest.

Was genau ist Koprophagie und warum tun Schildkröten das?

Koprophagie bezeichnet das bewusste Aufnehmen von Kot – entweder dem eigenen oder dem anderer Tiere. Was für uns Menschen absolut unappetitlich klingt, hat im Tierreich oft einen tieferen biologischen Sinn. Bei Europäischen Landschildkröten wie der Testudo hermanni (Griechische Landschildkröte), Testudo graeca (Maurische Landschildkröte) oder Testudo marginata (Breitrandschildkröte) kommt dieses Verhalten sowohl im natürlichen Lebensraum als auch in Gefangenschaft vor.

Der Hauptgrund liegt in der Darmflora. Schildkröten sind auf eine komplexe Gemeinschaft von Mikroorganismen angewiesen, um ihre pflanzliche Nahrung effektiv verdauen zu können. Wissenschaftler sprechen hier vom „intestinalen Mikrobiom” – einer Lebensgemeinschaft aus Billionen von Bakterien, Einzellern und anderen Mikroben, die im Verdauungstrakt leben. Durch das Fressen von Kot – besonders von gesunden Artgenossen – können Schildkröten diese wichtigen Mikroorganismen aufnehmen und ihre eigene Darmflora stärken oder wieder aufbauen.

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2025, veröffentlicht in den Frontiers in Veterinary Science, untersuchte genau diesen Mechanismus bei einer Maurischen Landschildkröte (Testudo graeca) mit chronischen Verdauungsproblemen. Die Forscher führten eine orale fäkale Mikrobiota-Transplantation durch – im Grunde eine kontrollierte, medizinische Version dessen, was Schildkröten in der Natur instinktiv tun. Das Ergebnis war beeindruckend: Die Darmflora regenerierte sich, und die Verdauungsprobleme besserten sich deutlich.

Was die Wissenschaft über das Schildkröten-Mikrobiom weiß

Die Forschung zum Darm-Mikrobiom bei Reptilien hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Lange Zeit wussten wir kaum etwas darüber, welche Mikroorganismen im Schildkrötendarm leben und welche Funktionen sie erfüllen. Das ändert sich gerade grundlegend.

Eine 2025 in Microbial Ecology veröffentlichte Studie zur Charakterisierung des Darm-Mikrobioms bei Landschildkröten zeigt, dass herbivore Schildkröten eine erstaunlich vielfältige Gemeinschaft von Darmbakterien beherbergen. Diese Mikroben sind spezialisiert auf den Abbau von Pflanzenfasern – Zellulose und andere schwer verdauliche Kohlenhydrate, die Schildkröten ohne ihre mikrobiellen Helfer gar nicht verwerten könnten.

Besonders interessant: Die Zusammensetzung dieser Darmflora ist nicht angeboren, sondern wird im Laufe des Lebens erworben. Schlüpflinge kommen praktisch steril auf die Welt. Erst durch den Kontakt mit ihrer Umgebung – und ja, auch durch gelegentliches Kotfressen – bauen sie ihre individuelle Darmflora auf. Das erklärt, warum junge Schildkröten häufiger Koprophagie zeigen als adulte Tiere.

Eine weitere Studie, die 2023 als Preprint auf bioRxiv veröffentlicht wurde, untersuchte spezifisch den Mikroorganismus Blastocystis im Darm von Testudo hermanni und Testudo horsfieldii. Diese Einzeller sind regelmäßige Bewohner des Schildkrötendarms und werden – wie die Studie zeigt – über den fäkal-oralen Weg übertragen. Das bestätigt: Koprophagie ist ein natürlicher Mechanismus zur Weitergabe von Darmmikroben zwischen Individuen.

Natürliches Verhalten oder Alarmsignal? Die Unterscheidung ist entscheidend

Nicht jedes Kotfressen ist automatisch ein Problem. In der Natur fressen junge Schildkröten gelegentlich den Kot älterer, erfahrener Tiere. So übernehmen sie quasi eine „Starterkultur” für ihren Darm – ähnlich wie bei Joghurt, nur eben auf Schildkröten-Art. Die oben genannte Studie zur Mikrobiota-Transplantation bei Testudo graeca belegt wissenschaftlich, dass dieser Mechanismus funktioniert und therapeutischen Nutzen haben kann.

Wann ist Koprophagie unbedenklich?

Gelegentliches Kotfressen bei Jungtieren, die von adulten, gesunden Artgenossen lernen, ist völlig normal. Ebenso unbedenklich ist sporadisches Interesse am Kot, wenn die Schildkröte ansonsten normales Fress- und Aktivitätsverhalten zeigt. Solange der Kot von gesunden Artgenossen im gleichen Gehege* stammt und keine Parasitenbelastung vorliegt, brauchst du dir keine Sorgen zu machen.

Wann solltest du aufmerksam werden?

Anders sieht es aus bei häufigem, fast zwanghaftem Kotfressen. Wenn deine Schildkröte gezielt nach Kot sucht und dabei andere Nahrung vernachlässigt, kann das auf einen Nährstoffmangel oder Verdauungsprobleme hindeuten. Auch Gewichtsverlust, Apathie oder andere Krankheitsanzeichen in Kombination mit verstärkter Koprophagie sind Warnsignale. Besonders kritisch wird es, wenn der Kot von anderen Tierarten stammt – Vögel, Hunde oder Katzen können Erreger übertragen, die für Schildkröten gefährlich sind.

Die therapeutische Kraft der Kotübertragung – Was wir von der Medizin lernen können

Die bereits erwähnte Fallstudie zur fäkalen Mikrobiota-Transplantation bei Testudo graeca ist ein Meilenstein für unser Verständnis der Schildkröten-Verdauung. Die Forscher behandelten eine Maurische Landschildkröte, die unter chronischen gastrointestinalen Beschwerden litt – trotz optimaler Haltungsbedingungen und verschiedener konventioneller Therapien besserte sich der Zustand nicht.

Die Lösung war so einfach wie elegant: Die Wissenschaftler entnahmen Kot von einer gesunden Spender-Schildkröte, bereiteten diesen auf und verabreichten ihn oral an das kranke Tier. Die Idee dahinter: Die geschädigte Darmflora durch eine funktionierende ersetzen. Und tatsächlich – die Therapie schlug an. Die Verdauung normalisierte sich, das Tier erholte sich.

Was bedeutet das für uns Halter? Es bestätigt, dass die instinktive Koprophagie bei Schildkröten kein „Fehler” ist, sondern ein evolutionär sinnvolles Verhalten. Natürlich sollst du jetzt nicht anfangen, deinen Schildkröten Kot zu verfüttern – aber du kannst entspannter sein, wenn du gelegentliches Kotfressen beobachtest. Die Natur hat sich dabei etwas gedacht.

Unterschiede zwischen Naturraum und Gehegensituation

Im natürlichen Habitat der Europäischen Landschildkröten – also im Mittelmeerraum mit seiner typischen Macchia-Vegetation – ist Koprophagie ein eher seltenes Ereignis. Die Tiere haben Zugang zu einer enormen Vielfalt an Wildpflanzen, Kräutern und natürlichen Bodensubstraten. Ihre Darmflora wird quasi automatisch „gewartet”, weil sie ständig verschiedenste Mikroorganismen mit der Nahrung aufnehmen.

Griechische Landschildkröte (Testduo hermanni boettgeri) in unserem naturnahen Freigehege
Griechische Landschildkröte (Testduo hermanni boettgeri) in unserem naturnahen Freigehege

In der Gehegenhaltung sieht das anders aus. Selbst bei vorbildlicher Haltung mit großem Freigehege und abwechslungsreicher Bepflanzung erreichen wir nie die Vielfalt des natürlichen Lebensraums. Die Mikrobiom-Forschung zeigt, dass in Gefangenschaft gehaltene Reptilien oft eine weniger diverse Darmflora aufweisen als ihre wilden Artgenossen. Das ist keine Kritik an der Haltung – es ist einfach Realität. Entsprechend kann es in Gefangenschaft häufiger zu Koprophagie kommen, weil die Tiere versuchen, Defizite auszugleichen.

Ein praktisches Beispiel: Eine Griechische Landschildkröte, die den Winter über in einer kontrollierten Winterstarre verbracht hat, zeigt im Frühjahr manchmal verstärkt Interesse am Kot der Artgenossen. Der Grund: Während der Winterruhe war die Darmflora quasi im Ruhemodus und muss sich erst wieder aufbauen. Durch das Fressen von Kot verkürzt die Schildkröte diesen Prozess – ein cleverer biologischer Shortcut.

Gesundheitsrisiken und Parasiten – Wann wird es gefährlich?

Jetzt kommt der weniger erfreuliche Teil. So natürlich Koprophagie sein kann – sie birgt auch Risiken. Der offensichtlichste Punkt sind Parasiten. Würmer, Einzeller wie Hexamita oder Flagellaten werden über den fäkal-oralen Weg übertragen. Die bereits zitierte Blastocystis-Studie zeigt genau diesen Übertragungsweg bei Testudo-Arten. Wenn eine Schildkröte im Gehege* einen Parasitenbefall hat, kann sich dieser durch Koprophagie blitzschnell auf alle anderen Tiere ausbreiten.

Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Nachweis von Salmonellen bei Landschildkröten unterstreicht ein weiteres Risiko: Auch bakterielle Erreger können über den Kot weitergegeben werden. Das betrifft nicht nur die Gesundheit der Schildkröten, sondern auch die der Halter – Salmonellen sind zoonotisch, also auf Menschen übertragbar. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, nach Kontakt mit dem Tier die Hände gründlich zu waschen.

Deshalb gilt: Regelmäßige Kotuntersuchungen sind Pflicht! Mindestens einmal jährlich (bei uns im Juni/Juli) solltest du Sammelkotproben beim reptilienkundigen Tierarzt untersuchen lassen. So erkennst du Parasitenbefall früh und kannst gezielt behandeln, bevor sich Erreger im gesamten Bestand ausbreiten.

Griechische Landschildkröten (Testudo hermanni boettgeri) in ihrem natürlichen Habitat in Griechenland
Griechische Landschildkröten (Testudo hermanni boettgeri) in ihrem natürlichen Habitat in Griechenland

Praktische Maßnahmen für Schildkrötenhalter

Was kannst du nun konkret tun, um das Thema Koprophagie sinnvoll zu managen? Hier sind bewährte Tipps, die sowohl auf praktischer Erfahrung als auch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren:

Mit dieser hochwertigen Samenmischung ziehen Sie natürliche Futterpflanzen für Schildkröten ganz einfach selbst an. Die gemeinsam mit Thorsten Geier entwickelte Mischung enthält bewährte, gut verträgliche und überwiegend oxalsäurearme Pflanzenarten.

Hohe Keimfähigkeit und Artenreinheit machen das Saatgut zur idealen Grundlage für eine artgerechte Ernährung.

Abwechslungsreiche Ernährung anbieten: Je vielfältiger das Futterangebot, desto reichhaltiger wird auch die Darmflora. Wildkräuter wie Löwenzahn, Spitzwegerich, Wegwarte, Breitwegerich und verschiedene Gräser sollten die Basis bilden. Die Mikrobiom-Forschung zeigt: Diversität im Futter fördert Diversität im Darm.

Regelmäßige Reinigung mit Augenmaß: Entferne Kot regelmäßig, aber verfalle nicht in Hygienwahn. Ein gewisses Maß an „Natürlichkeit” im Gehege* ist gut für das Immunsystem und die Darmflora. Täglich kurz durchs Gehege gehen und offensichtliche Kothaufen entfernen reicht in der Regel aus.

Natürliche Bodengestaltung: Ein naturnahes Gehege* mit verschiedenen Substraten, Versteckmöglichkeiten und einer vielfältigen Bepflanzung fördert eine gesunde Darmflora auf natürlichem Weg. Die Schildkröten nehmen beim Fressen automatisch Bodenpartikel und damit auch nützliche Mikroorganismen auf.

Nach Medikamentengabe besonders unterstützen: Nach Antibiotika-Behandlungen oder Wurmkuren ist die Darmflora oft geschädigt. Die Studie zur Mikrobiota-Transplantation bei Testudo graeca zeigt, wie wichtig der Wiederaufbau ist.

Quarantäne für Neuzugänge: Neue Schildkröten sollten mindestens ein Jahr  separat gehalten und auf Parasiten untersucht werden. So verhinderst du, dass problematische Erreger über Koprophagie in deinen gesunden Bestand eingeschleppt werden.

Fazit: Die Wissenschaft gibt Entwarnung – mit Einschränkungen

Die aktuelle Forschung zeichnet ein differenziertes Bild: Koprophagie bei Europäischen Landschildkröten ist in den meisten Fällen ein völlig natürliches, biologisch sinnvolles Verhalten. Die Studie zur fäkalen Mikrobiota-Transplantation bei Testudo graeca belegt eindrucksvoll, dass die Übertragung von Darmbakterien über Kot einen echten therapeutischen Nutzen haben kann. Was Schildkröten instinktiv tun, nutzt die Veterinärmedizin inzwischen gezielt als Behandlungsmethode.

Gleichzeitig mahnt die Forschung zur Vorsicht: Über denselben Weg, über den nützliche Mikroben weitergegeben werden, können auch Parasiten und Krankheitserreger übertragen werden. Die Blastocystis-Studie und die Salmonellen-Untersuchungen zeigen dieses Risiko deutlich auf. Als verantwortungsvoller Halter musst du daher beide Seiten im Blick behalten.

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick: 

Gelegentliche Koprophagie ist normal und dient dem Aufbau der Darmflora – besonders bei Jungtieren und nach der Winterstarre. Zwanghaftes, übermäßiges Kotfressen hingegen kann auf Mangelerscheinungen oder Verdauungsprobleme hindeuten. Regelmäßige Kotuntersuchungen beim Tierarzt sind unverzichtbar, um Parasitenübertragungen frühzeitig zu erkennen. Eine abwechslungsreiche Ernährung und naturnahe Haltung fördern eine gesunde Darmflora und reduzieren den „Bedarf” an Koprophagie.

Und wenn du das nächste Mal siehst, wie deine Schildkröte am Kothaufen eines Artgenossen knabbert – tief durchatmen, nicht ekeln, und im Hinterkopf behalten: Die Wissenschaft bestätigt, dass die Natur sich dabei etwas gedacht hat. Auch wenn wir Menschen das nicht immer auf Anhieb verstehen.

Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Auffälligkeiten deiner Schildkröte wende dich bitte an einen reptilienkundigen Tierarzt.

Nordküste-Breitrandschildkröten
Breitrandschildkröte (Testudo marginata) auf Sardinien

Quellenverzeichnis


Wissenschaftliche Studien und Fachpublikationen
[1] Case Report: Oral fecal microbiota transplantation in a Mediterranean spur-thighed tortoise (Testudo graeca) suffering from chronic gastrointestinal disease – procedure, clinical outcome, and follow-up. Frontiers in Veterinary Science (2025). Verfügbar unter: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12134076/ [2] Microbial Enrichments Contribute to Characterization Of Desert Tortoise Gut Microbiome. Microbial Ecology, Springer (2025). Verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s00248-025-02557-6 PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40528049/ [3] Contiguous and complete assemblies of Blastocystis gut microbiome isolates. bioRxiv Preprint (2023). Verfügbar unter: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2023.11.20.567959v2.full.pdf [4] Schramme, K.C.: Nachweis von Salmonella spp. bei Landschildkröten. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München. Verfügbar unter: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/1318/1/Schramme_KarolaChristine.pdf [5] Brosda, A.: Dissertation zur Haltung und Beobachtung von Landschildkröten (Testudo hermanni hermanni, T.h. boettgeri und T.h. hercegovinensis). Freie Universität Berlin. Verfügbar unter: https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/1649/Brosda_online.pdf

Newsletter

 

Willkommen bei „Landschildkröten im Hunsrück“

– Deinem Zugang zur faszinierenden Welt dieser außergewöhnlichen Reptilien! 🐢

 

Möchtest Du Informationen über die Haltung,
den Gehegebau, die Winterstarre bei europäischen Landschildkröten sowie die richtige Ernährung und geeignete Futterpflanzen entdecken?

🐢Dann bist Du bei uns genau richtig!🐢

Unser Newsletter versorgt Dich regelmäßig mit spannenden Fakten, praktischen Tipps und inspirierenden Geschichten rund um Landschildkröten.

🐢Trage einfach Deine E-Mail-Adresse ein und begib Dich mit uns auf eine aufregende Reise in die Welt der Landschildkröten🐢

Als kleines Dankeschön erhältst du von mir kostenlos meinen

LANDSCHILDKRÖTEN-STARTER GUIDE!
Dieser beinhaltet:

 – Die 5 kritischsten Anfängerfehler und wie du sie vermeidest

– Die perfekte Grundausstattung für den Start

– Eine kleine Liste von Futterpflanzen zum Start

– Welche Kosten kommen auf mich zu?

🐢Wir freuen uns auf Dich!🐢

 

Unseren kostenlosen Newsletter hier abonnieren

 

 
Newsletter

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert